„Bei uns hat man eine Wettergarantie“
Thorsten Kramer, beim FC Schalke 04 verantwortlich für die Veranstaltungen in der VELTINS-Arena, spricht über die Assets der Arena und Entwicklungen im Event-Geschäft.
Stadionwelt: Herr Kramer, wo stehen Sie in der Organisationsstruktur des FC Schalke 04?
Stadionwelt: Für einen Veranstalter ist es wichtig, nicht nur ein großes Haus zu haben, sondern auch gut verkaufen und alles gut handhaben zu können. Wie zeigt sich das bei der VELTINS-Arena?
Kramer: Die Kapazität ist natürlich ein Punkt. Sie ist in manchen Fällen sehr günstig, wenn man eine Veranstaltung, einen Künstler oder eine Band hat, bei der man weiß, dass man sehr viele Tickets verkaufen kann, weil die Nachfrage enorm groß ist. Die Kapazität kann aber auch ein Fluch sein, wenn man sich bei einem Künstler nicht sicher ist, ob man so viele Tickets verkaufen kann. Dann kann es manchmal sinnvoller sein, in eine kleinere Venue zu wechseln.
Was wir neben der Kapazität auf jeden Fall als Asset haben, ist zum Beispiel der herausfahrbare Rasen. Das ist nicht nur ein Zeitfaktor: Eine Produktion kommt mit ihren Trucks hier an, der Rasen ist bereits draußen, und man kann direkt mit dem Bühnenbau beginnen. Man muss keine zusätzliche Zeit einplanen, um den Rasen mit Abdeckplatten zu belegen. Das ist aber auch ein Kostenfaktor: Rund 11.000 m² Rasen abzudecken, kostet eine Menge Personal und Material. Das fällt bei uns weg.
Unabhängig von der Kapazität ist das natürlich ein Punkt, den jeder Veranstalter schätzt – genauso wie das verschließbare Dach. Bei uns hat man eine Wettergarantie. Wir hatten Fälle, in denen wir ein Konzert mit geöffnetem Dach begonnen haben, weil das Wetter schön war und wir diese klassische Open-Air-Atmosphäre hatten. Während der Show bekamen wir dann von der Feuerwehr die Information, dass sich eine Gewitterzelle Richtung Gelsenkirchen bewegt. Nach Absprache mit der Produktion haben wir während des Konzerts das Dach geschlossen. Das dauert maximal 20 Minuten. Als das Dach geschlossen war, fing es an zu regnen, und die Leute konnten trotzdem im Trockenen weiterfeiern.Stadionwelt: Auch Sommer-Hitze hat man mittlerweile als ernst zu nehmendes Problem erkannt. Viele Open-Airs dieser Saison waren grenzwertig, was das betrifft.
Kramer: Absolut. Das Dach ist ja nicht nur ein Regen-, sondern auch ein Sonnenschutz. Wenn wir mittags sehr hohe Temperaturen haben und die Sonne durch ein geöffnetes Dach in unseren Stehplatzbereich scheinen würde, wären die Leute dort direkter Sonneneinstrahlung ausgesetzt. Auch da haben wir in Rücksprache mit Rettungsdienst und Veranstaltungsleiter schon entschieden, das Dach zu schließen, um den Menschen etwas Schatten zu bieten. Da sind wir sehr flexibel, und das ist ein weiteres Feature der Arena, das Veranstalter sehr an uns schätzen.
Hinzu kommt das personelle Know-how. Wir haben Leute, die schon sehr lange in diesem Bereich tätig sind, die Veranstalter gut beraten können, die Arena sehr gut kennen und die Schnittstellen zu den anderen Abteilungen des Vereins sowie zur Immobilienverwaltungs KG beherrschen. Außerdem sind wir selbst Veranstalter, zum Beispiel beim Biathlon auf Schalke. Dadurch kennen wir auch die Sichtweise und Perspektive des Veranstalters und können zwischen den verschiedenen Stakeholdern optimal beraten und vermitteln.
„Die Eventbranche ist sehr schnelllebig und dynamisch"
Stadionwelt: Sie kommen nach 25 Jahren auf über 750 Großveranstaltungen in der Veltins-Arena. Müssen Sie noch viel tun, um im Geschäft zu bleiben? Oder geht es häufig eher darum, mit Überraschungen umzugehen oder mit wechselnden Trends?
Kramer: Ja, die Eventbranche ist sehr schnelllebig und dynamisch. Was heute aktuell ist, kann morgen schon wieder überholt sein. Da muss man permanent die Augen offen halten, innerhalb seines Netzwerks kommunizieren und Informationen austauschen. Auf der anderen Seite stellen wir fest, dass Veranstalter oder auch Künstlermanagements ihre Tourplanungen immer frühzeitiger sichern wollen – und damit auch die Venues.
Wir reden jetzt schon konkret mit Veranstaltern über Veranstaltungen nicht nur für 2027, sondern auch für 2028, 2029 und sogar 2030. Das wirkt natürlich ein Stück weit gegensätzlich zur Schnelllebigkeit der Branche. Bei Konzerten und Veranstaltungen unserer Größenordnung ist ein Fußballstadion aber die Spitze des Eisbergs. Da hat man weniger mit Artists zu tun, die gerade einen kurzen Peak haben oder über Nacht über YouTube bekannt geworden sind. Es geht eher um Künstler und Bands, die sich über Jahre aufgebaut haben, überhaupt so viele Tickets verkaufen zu können: AC/DC, die Rolling Stones, Ed Sheeran oder Taylor Swift. Man braucht keine Glaskugel, um sagen zu können: Wenn einer dieser Künstler oder eine dieser Bands 2029 oder 2030 wieder auf Tour gehen und in Gelsenkirchen auftreten will, wird das wahrscheinlich immer noch ausverkauft sein.

Stadionwelt: Und deutsche Acts sind nach wie vor auch gut dabei, oder?
Kramer: Ja, natürlich. Herbert Grönemeyer, der für 2027 schon bestätigt und im Vorverkauf ist, ist weiterhin ein deutscher Act, der die Massen mobilisieren kann. Rammstein spielte in 2024 fünf Shows hintereinander mit über 250.000 Besuchern. Pur ist ebenfalls ein Sonderfall: eine Band, die uns seit 25 Jahren mit ihrem Format „Pur and Friends“ treu begleitet und alle drei, vier Jahre ihre Mittelbühnenshow bei uns macht. Sie gehörten auch zu den ersten Bands, die überhaupt ein Konzert bei uns gespielt haben.
Dazu gibt es schöne Anekdoten, etwa wie sie damals bei Rudi Assauer im Büro saßen und sich wie Schuljungen vorkamen, während Rudi Assauer mit seiner Zigarre dort in seinem Sessel saß. Das ist eine Band, die uns wirklich seit sehr vielen Jahren treu begleitet und die, glaube ich, auch in den nächsten Jahren weiterhin die Massen mobilisieren wird. Natürlich darf man sich nicht nur auf die Altstars verlassen. Deshalb achten wir darauf – oder hoffen zumindest darauf, denn so viel Einfluss haben wir nicht –, dass im Musikbereich immer wieder Nachwuchskünstler den nächsten Schritt machen.
„Biathlon ist harte Arbeit“
Stadionwelt: Beim Biathlon auf Schalke sind Sie selbst Veranstalter, in diesem Jahr schon zum 23. Mal. Ist das ein Selbstläufer?
Kramer: Ganz im Gegenteil: Der Biathlon ist harte Arbeit und beschäftigt uns das ganze Jahr über. Am Veranstaltungstag starten wir abends direkt den Vorverkauf für die Folgeveranstaltung und nehmen natürlich auch bis Ende März die laufende Wintersportsaison zur Bewerbung mit. 23 Jahre sind für uns ein tolles Ergebnis und eine Bestätigung, dass die Leute weiterhin Lust auf den Biathlon auf Schalke haben. Aber wie gesagt: Da steckt harte Arbeit drin, nicht nur für unsere Eventabteilung, sondern auch für viele andere Abteilungen von Schalke 04. Kommunikation und Marketing laufen ebenfalls über Ressourcen des Vereins, immer in Abstimmung mit den Kolleginnen und Kollegen vom Deutschen Skiverband (DSV), mit denen wir die Veranstaltung gemeinsam produzieren.
Gerade nach der Pandemie mussten wir feststellen, dass sich im Kostenbereich vieles negativ entwickelt hatte. Viel gutes Personal hatte die Branche verlassen, weil niemand wusste, wie lange der Lockdown dauern würde. Viele Menschen aus der Eventbranche wechselten in andere Branchen. Dadurch gab es Personalmangel, und das verfügbare Personal rief entsprechende Preise auf. Beim Material war es ähnlich. Wir brauchten nach der Pandemie etwa zwei Jahre, um alles neu zu ordnen und zu strukturieren. Jetzt sind wir aber wieder voll auf der Erfolgsspur und wollen wie vor der Pandemie, etwa 2019 bei dem Abschiedsrennen von Laura Dahlmeier, auch in den nächsten Jahren wieder ausverkauft melden können.
Stadionwelt: Manche Künstler sind so groß geworden, dass sie ihre eigenen Arenen auf der grünen Wiese bauen. Das ist auch eine Entwicklung, mit der Sie umgehen müssen...
Kramer: Das müssen wir, ja. Wobei die grüne Wiese auch das Thema Wetter berührt, das bei Open Air immer ein Risiko ist, wie gesagt. In einem Stadion wie unserem haben wir deutlich mehr Wettergarantie. Draußen auf der grünen Wiese ist zudem keine Infrastruktur vorhanden; man muss alles erst aufbauen. Da muss man natürlich auch die Kosten hinterfragen: Macht das Sinn? Und wie nachhaltig ist so etwas? Gerade Nachhaltigkeit ist ein Thema, das uns als Gesellschaft immer stärker beschäftigt und begleitet. Das sollte dabei natürlich ebenfalls eine Rolle spielen.
Stadionwelt: Gleichzeitig scheinen die Produktionen doch immer größer zu werden. Obwohl alle von Nachhaltigkeit sprechen, werden die Shows zumindest zum Teil immer aufwendiger.
Kramer: Natürlich. Die Leute haben für ihr Geld eine gewisse Erwartungshaltung und möchten eine entsprechende Show bekommen. Da reicht es nicht, dass der Künstler nur auf der Bühne steht. Es braucht Lichteffekte, Pyrotechnik und so weiter. Das ist vollkommen klar und legitim. Man will den Leuten schließlich diese Gänsehautmomente bieten. Wenn ohnehin bereits viel Material transportiert werden muss und der logistische Aufwand entsprechend hoch ist, kann man sich die Frage stellen, ob sich in manchen Situationen auch auf bestehende Infrastruktur – etwa in einem Stadion – zurückgreifen ließe. Dort ist vieles baulich bereits vorhanden, was den organisatorischen Aufwand gegebenenfalls reduzieren könnte. Wie diese Aspekte letztlich gegeneinander abzuwägen sind, ist jedoch eine Entscheidung, die die Veranstalter im Rahmen ihrer jeweiligen Planungen und Anforderungen treffen müssen. (Stadionwelt, 05.08.2026)
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