Warum Kreislaufwirtschaft im Stadion ein Teamsport ist
Ein geschlossener Wertstoffkreislauf gelingt Stadien nicht im Alleingang. Ein Beitrag von Nachhaltigkeitsexperte Mike Keller von Sustainable Venue darüber, warum Betreiber, Clubs, Caterer, Entsorger und Fans an einem Strang ziehen müssen.
Über den Autor:
Mike Keller ist Geschäftsführer von Sustainable Venue in Hamburg, das sich auf den nachhaltigen Betrieb von Veranstaltungsorten spezialisiert hat.
Eine konsequente Abfalltrennung ist der entscheidende Ausgangspunkt, um wertvolle Ressourcen ökologisch im Kreislauf zu halten, Entsorgungskosten spürbar zu senken, gesetzliche Vorgaben verlässlich einzuhalten und die für ein auditfähiges Nachhaltigkeitsreporting oder eine Zertifizierung erforderlichen Daten zu liefern.
Kreislaufwirtschaft ist MannschaftssportDie Transformation zu einem echten „Zero Waste“-Fußballspiel ist keine Aufgabe, die ein Stadion isoliert lösen kann. Sie erfordert das Zusammenspiel aller Akteure auf und neben dem Platz. Ein Plädoyer für kollaborative Kreisläufe und ein Blick auf die komplexen Rahmenbedingungen im Hintergrund. Genau wie der sportliche Erfolg ist auch die moderne Kreislaufwirtschaft im Stadion ein echter Teamsport: Ein geschlossener Kreislauf lässt sich nicht im Alleingang verordnen, sondern gelingt nur durch das Zusammenspiel einer lückenlosen Kette vom Arena-Eigentümer bis zum Fan auf der Tribüne.
Das Spielfeld: Besitz- und Betriebsstrukturen als Startaufstellung
Die Besitz- und Betriebsverhältnisse deutscher Stadien bestimmen als „Startaufstellung“, wie flexibel Kreislaufwirtschaft umgesetzt werden kann: Während das integrierte Modell (Club = Eigentümer & Betreiber, z. B. Allianz Arena in München) schnelle Entscheidungen erlaubt, verlangt das Fremdbetriebs-Modell (kommunales Stadion, z. B. Olympiastadion in Berlin) eine enge Allianz zwischen Club und Stadt; am komplexesten ist das Dreiecks-Modell (kommunaler Besitz, privater Betreiber, z. B. Heinz-von-Heiden-Arena in Hannover), bei dem politische und kommerzielle Interessen vertraglich so synchronisiert werden müssen, dass sich ökologische Investitionen für alle Seiten lohnen.
Die Akteure: Wer welchen Beitrag leistet
Damit aus der Theorie ein geschlossener Kreislauf wird, müssen alle Rädchen ineinandergreifen. Jede Gruppe trägt die Verantwortung für einen entscheidenden Abschnitt des Kreises:
Die Venue-Betreiber: Die Architekten der Infrastruktur
Sie schaffen die physischen Voraussetzungen. Dazu gehören ausreichend dimensionierte und strategisch platzierte Abfalltrennstationen im Stadionumlauf, moderne Spülinfrastrukturen wie bei Borussia Mönchengladbach, wo Becher direkt im Stadion gereinigt werden, um Transportwege zu sparen oder gekühlte Logistikbereiche für organische Gastro-Abfälle wie in der Red Bull Arena in Leipzig.
Die Clubs: Die Motoren und Kommunikatoren
Vereine haben die unschätzbare Macht der Fan-Aktivierung. Sie können Themen emotional aufladen und Barrieren in den Köpfen abbauen. Gleichzeitig setzen sie die Leitlinien im Einkauf – etwa durch den Verzicht auf plastikintensive Fan-Choreografien oder den Vorzug für digitale Ticketsysteme, wie es Preußen Münster erfolgreich vorlebt.
Die Caterer und Dienstleister: Die Gestalter des Sortiments
Der beste Mehrwegbecher nützt nichts, wenn Speisen weiterhin in Tonnen von Einweg-Pappe über die Theke gehen. Caterer müssen Verpackungen reduzieren und innovative Lösungen implementieren. Wie das geht, zeigt die TSG Hoffenheim: Durch die Einführung eines vollumfänglichen Mehrweg- Menüschalensystems für Speisen werden dort jährlich rund 80.000 Einwegverpackungen vermieden. Das gelingt jedoch nur, weil Club, Caterer und ein regionaler Spüldienstleister Hand in Hand arbeiten.
Die Entsorger und Sponsoren: Die Ermöglicher im Hintergrund
Recycling-Spezialisten dürfen nicht mehr nur „Abholer“ sein, sondern müssen als strategische Partner agieren, die nachweislich sortenreine Stoffströme garantieren. Gleichzeitig können starke Sponsoren Innovationskraft und Kapital einbringen, um neue Kreislauf-Technologien überhaupt erst marktfähig zu machen. Die Fans: Der zwölfte Mann im Kreislauf Sie sind das entscheidende Bindeglied. Jedes noch so durchdachte Kreislaufsystem bricht zusammen, wenn die Becher im Stehplatzblock landen oder Mülltrennung im Umlauf ignoriert wird. Auch mitgebrachte Abfälle jeglicher Art sind oft noch eine Herausforderung. Die aktive Beteiligung der Fans – das korrekte Trennen und die verlässliche Rückgabe von Pfandsystemen – erweckt den Kreislauf erst zum Leben.
Vorreiter: Wo Rädchen bereits ineinandergreifen
Dass die erfolgreichsten Projekte immer auf Kooperation basieren, zeigen die Praxisbeispiele aus den Profiligen:
Kooperation zwischen Bauwirtschaft und Club
Bei Bau- und Renovierungsprojekten in der BayArena übernimmt Bayer 04 Leverkusen die Abfalltrennung (Abbruch, Aushub) eigenverantwortlich, statt sie schlüsselfertig abzugeben. Dies erfordert eine enge Abstimmung mit den Bauunternehmen, führt aber dazu, dass wertvolle Baustoffe recycelt und erhebliche Mischabfallkosten eingespart werden.
Kooperation zwischen Industrie und Verein
Der VfL Wolfsburg setzt bei der Sanierung seiner Kunstrasenplätze auf vollkommen recyclingfähige Systeme ohne Mikroplastik-Infill. Am Ende der Lebensdauer wird der Rasen in Kooperation mit dem Hersteller sortenrein zerlegt, um daraus neue Produkte wie Parkbänke herzustellen.
Kooperation zwischen Club, Fans und Entsorger
In der 3. Liga zeigt der SC Verl, wie ein durchgängiges Abfallkonzept funktioniert. Durch ein farbcodiertes Trennsystem im Zuschauerbereich und Großbehälter im Back-of-House-Bereich wird der Müll gemeinsam mit einem zertifizierten Entsorger direkt vor Ort im Teamwork sortiert und dem Wertstoffkreislauf zugeführt.
Der Kreis schließt sich nur gemeinsam
Kreislaufwirtschaft im Stadion ist ein kontinuierlicher Prozess, ein Kreislauf im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn wir das gemeinsame Ziel erreichen wollen, Sportveranstaltungen ressourcenschonend und abfallfrei zu gestalten, müssen wir das Silodenken überwinden. Der Stadionbetreiber schafft die logistische Basis, der Caterer liefert nachhaltige Verpackungen, der Club sendet die Botschaft, der Fan nutzt das System und der Entsorger garantiert die sortenreine Verwertung. Abfälle sind wichtige Wertstoffe – das wird zunehmend in Zeiten von Rohstoffkrisen und Lieferkettenstörungen immer klarer. Erst wenn all diese Akteure zusammenspielen, schließen sich die Kreisläufe. Es ist an der Zeit, dass dieses Thema nicht als Last für den einzelnen Veranstaltungsort begriffen wird, sondern als eine Gemeinschaftsaufgabe.
Wenn alle Profistadien die nächsten 10 Jahre die Restmüllquote um 50 % reduzieren, lassen sich damit wertvolle Rohstoffe in die Kreisläufe zurückführen und in unserer Wirtschaft an anderer Stelle nutzen, wo sie dringend benötigt werden. (Stadionwelt, 07.08.2026)
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