„FIFA-Standard ist umfangreicher als die DFL-Vorgaben“

Oliver Schneider, geschäftsführender Gesellschafter der Labor Lehmacher|Schneider GmbH & Co. KG, spricht über internationale Standards für Spielfelder, Hybrid-Technologien und die Professionalisierung der Greenkeeper-Branche.

Stadionwelt: Herr Schneider, stellen Sie sich und Ihre Firma bitte vor.
Schneider: Ich bin geschäftsführender Gesellschafter der Labor Lehmacher|Schneider GmbH & Co. KG und seit 1997 im Bereich von Freisportanlagen tätig. Wir sind Mitglied in diversen DIN-Normausschüssen wie DIN 18035 Teil 3, 4, 6 und 7 sowie in europäischen Normungsverfahren. Darüber hinaus bin ich bei der DFL Mitglied der Stadionkommission für Rasenplätze und einer von drei Juroren für die Beurteilung „Pitch of the Year“.

Oliver Schneider spricht über internationale Standards für Spielfelder, Hybrid-Technologien und die Professionalisierung des Greenkeepings.
Oliver Schneider spricht über internationale Standards für Spielfelder, Hybrid-Technologien und die Professionalisierung des Greenkeepings. Bild: LABOR LEHMACHER | SCHNEIDER GmbH & Co. KG

Stadionwelt: Sie betreiben ein FIFA-akkreditiertes Prüflabor. Was bedeutet das konkret?
Schneider: Wir sind als Labor nach ISO 17025 akkreditiert – das ist die Grundvoraussetzung für eine FIFA-Zulassung. ISO 17025 entspricht prinzipiell der ISO 9001 für Unternehmen, jedoch mit zusätzlichen Anforderungen speziell für Prüflabore. Alle unsere Prüfgeräte müssen kalibriert und rückführbar auf deutsche und internationale Normale sein. Ein einfaches Beispiel: Es gibt ein Normmaß von exakt fünf Zentimetern, nach dem alle Längenmessungen kalibriert werden müssen. Mit dieser Akkreditierung sind wir von der FIFA für Naturrasen- und Kunststoffrasenprüfungen zugelassen – sowohl im Labor als auch vor Ort. Vom DFB sind wir für Kunststoffrasenprüfungen zertifiziert, damit Frauen- und A-Jugendmannschaften Punktspiele auf diesen Plätzen austragen können. Zusätzlich sind wir vom Internationalen Hockey-Verband FIH akkreditiert.

Stadionwelt: Wie qualifizieren Sie sich für die FIFA-Akkreditierung?
Schneider: Jährlich findet ein FIFA-Test-Event statt – früher „FIFA Round Robin“ genannt. Alle FIFA-zugelassenen Prüflabore treffen sich mit ihrem kompletten Prüfequipment irgendwo auf der Welt und testen dieselben Spielfelder. Dabei wird überprüft, ob alle Labore zu identischen Ergebnissen kommen, damit die Messwerte international vergleichbar sind. Das ist ein hartes Auswahlverfahren: Wer nicht besteht, hat ein Jahr Karenzzeit. Ein zweites Mal nicht bestehen bedeutet den Ausschluss. Neue Prüflabore müssen diesen Test zwingend bestehen, sonst erfolgt keine Zulassung. Die Ergebnisse werden hochgradig wissenschaftlich-statistisch ausgewertet – das ist keine Spielerei.

Stadionwelt: Sind Ihre Prüfgeräte Spezialanfertigungen?
Schneider: Ja, die meisten. Unser Equipment reicht vom einfachen Gliedermaßstab bis hin zu künstlichen Sportlern, die Kraftabbau und Energierückgabe von Spielfeldern messen. Diese speziellen Geräte gibt es nicht von der Stange – das sind Spezialanfertigungen. Teilweise bauen wir sie selbst, teilweise lassen wir sie fertigen. Besonders in den Niederlanden gibt es zwei Unternehmen, die solche künstlichen Sportler anbieten. Die Kosten sind erheblich: Ein künstlicher Sportler kostet je nach Normausführung von 19.000 bis 30.000 Euro pro Gerät.

Stadionwelt: Welche Standards gelten bei FIFA, UEFA und DFL?
Schneider: FIFA und UEFA verwenden praktisch denselben Standard – die UEFA hat keinen eigenen entwickelt, sondern orientiert sich am FIFA-Standard. Dieser ist wesentlich umfangreicher als die DFL-Vorgaben für Bundesliga-Stadien. Bei der DFL messen die Greenkeeper aktuell „nur“ etwa fünf Parameter: Wasserdurchlässigkeit, Scherfestigkeit, Ebenflächigkeit, Narbendichte und Oberflächenhärte. Der FIFA-Standard umfasst zusätzlich: Wurzeltiefe, Filzdicke, Kraftabbau, Energierückgabe, vertikale Verformung, Ballrollverhalten, Ballsprungverhalten sowie die Bewertung von Krankheiten und Unkräutern auf dem Platz. Das sind wesentlich mehr Parameter – ob sinnvoll oder nicht, sei dahingestellt.

Stadionwelt: Fallen Plätze bei diesen Prüfungen durch?
Schneider: Man kann nicht „durchfallen“ – es gibt eine Kategorisierung von der schlechtesten Kategorie „Misserfolg, das Spielfeld ist unsicher und erfordert erhebliche Eingriffe“ bis zum Top-Standard „Hervorragendes Spielfeld ohne Einschränkungen“. Aber wenn ein Stadion die schlechteste Kategorie erreicht, wird dort natürlich kein Spiel angepfiffen.

Die Prüfung der Ebenflächigkeit des Spielfeldes ist ein essenzieller Prozess für modernes Greenkeeping.
Die Prüfung der Ebenflächigkeit des Spielfeldes ist ein essenzieller Prozess für modernes Greenkeeping. Bild: LABOR LEHMACHER | SCHNEIDER GmbH & Co. KG

Stadionwelt: Welche Herausforderungen zeigen sich dennoch bei UEFA-Endrunden?
Schneider: Wasserdurchlässigkeit, Ebenflächigkeit und Scherfestigkeit sind die wichtigsten technischen Parameter für das Spiel. Aber mindestens genauso wichtig ist die optische Qualität: Der Platz muss schön grün und kurz gemäht sein, die Linien strahlend weiß – das ist entscheidend für die Köpfe der Spieler, Schiedsrichter und natürlich für die TV-Bilder. Wenn der Rasen optisch ansprechend ist – kurz gemäht, schön grün, saubere weiße Linien – entsteht ein ganz anderer Eindruck, als wenn braune Gräser dazwischen sind. Die Spieler denken sofort „Oh Gott, der Platz ist schlecht“, obwohl er spieltechnisch gar nicht schlecht zu bespielen wäre, nur weil das Gras nicht perfekt grün ist. Wenn dann noch Grassoden durch die Gegend fliegen oder Pfützen entstehen, hat man sofort einen medialen Shitstorm, dem schwer zu begegnen ist. Glücklicherweise wird das Instrumentarium der Greenkeeper immer professioneller – und die Leute selbst auch.

Stadionwelt: Wie sehr unterscheidet sich der Spielfeldaufbau in Profistadien vom klassischen DIN-Aufbau? Manchmal geht es schon damit los, dass der Rasen mit Tragschicht in einer Betonwanne liegt…
Schneider: Der Aufbau in einem Fußballstadion unterscheidet sich gar nicht so stark von der DIN-Bauweise. Er ist vom Prinzip ähnlich, nur möchte man eine höhere Wasserdurchlässigkeit erreichen. Dementsprechend sind die Baustoffe etwas gröber oder sandiger, aber grundsätzlich ist der Aufbau schon ähnlich wie bei der DIN-Bauweise in Dränschichtbauweise. Um einen hohen Standard auch im Winterhalbjahr zu erhalten, gerade hier im Mittel- oder in Nordeuropa, ist mittlerweile künstliche Beleuchtung wichtig sowie eine Rasenheizung, damit das Gras auch im Winter regenerieren und wachsen kann. Dadurch können Schadstellen wieder geschlossen werden. Das kennt man ja zu Hause: Ab November mäht man den Rasen nicht mehr, weil er einfach nicht mehr wächst. Wenn er nicht wächst, kann er sich auch nicht regenerieren – genau das Gleiche passiert im Fußballstadion. Mit künstlichem Licht und Wärme wird dem entgegengewirkt, sodass der Rasen tatsächlich noch wachsen und sich regenerieren kann. Das ist natürlich sehr kostenintensiv. Die LED-Technologie bei der Rasenwachstumsbeleuchtung spart Strom, erfordert aber zusätzliche Wärmequellen. Es bleibt eine sehr aufwendige Technologie für den Profibereich, die sich auch nur Profivereine leisten können.

Stadionwelt: Sollten sich Breitensportvereine am FIFA-Standard orientieren, oder gibt hier es bessere Lösungen?
Schneider: Das sollte man auf gar keinen Fall. Der FIFA-Standard hat beispielsweise eine Wasserdurchlässigkeit auf der Spielfeldoberfläche von größer 150 mm pro Stunde – das sind 150 l Regen pro Quadratmeter. So viel muss es erst mal in einer Stunde in Deutschland regnen. In Deutschland haben wir den Standard von größer 60 mm pro Stunde, aktuell noch in der Norm. Die Norm wird gerade überarbeitet und auf 30 mm reduziert, weil durch die trockenen Sommer aufgrund des Klimawandels das Problem Wassermangel besteht. Dementsprechend gibt es auch verschiedene Aufbauten in der DIN. Es gibt die Dränschichtbauweise, die vergleichbar mit der Bauweise in Fußballstadien ist, und dann gibt es die sogenannte bodennahe Bauweise mit einer Speicherschicht. Diese Speicherschicht hält mehr Wasser und Nährstoffe und ist eigentlich besser geeignet für kommunale Anlagen, weil sie auch einfacher zu pflegen ist – man braucht nicht so viel Wasser und nicht so viel Nährstoffe. Man denkt immer, die bodennahe Bauweise sei günstiger oder einfacher zu bauen, aber das ist nicht der Fall. Sie ist eigentlich komplizierter zu bauen, weil man Drainschlitze, eine Speicherschicht und zusätzliche Drängräben hat. Von den Kosten her macht das keinen signifikanten Unterschied.

Stadionwelt: Sehen Sie bei Betreibern oder Planern noch Beratungsbedarf, welche Bauweise an welchem Standort geeignet ist?
Schneider: Auf jeden Fall. Die meisten wollen die Dränschichtbauweise haben und sagen: „Dann habe ich keine Probleme mehr mit dem Wasser, es wird immer gut abgeführt und ich bin auf Nummer sicher.“ Aber wenn ich die bodennahe Bauweise vernünftig baue und normengerecht ausführe, habe ich auch eine gute Wasserableitung und zusätzlich den Vorteil, dass ich Wasser und Nährstoffe besser speichern kann.

Die Wasserinfiltration wird sogfältig geprüft und dabei auch die Scherfestigkeit gemessen.
Die Wasserinfiltration wird sogfältig geprüft und dabei auch die Scherfestigkeit gemessen. Bild: LABOR LEHMACHER | SCHNEIDER GmbH & Co. KG

Stadionwelt: Hybrid-Systeme sind im Elitebereich weit verbreitet. Wie wirken sie sich auf Bespielbarkeit und Pflege aus?
Schneider: Der Vorteil von Hybridsystemen – egal ob gestitcht, als Hybridmatten oder Hybridtragschichten – ist, dass ich immer eine perfekte Ebenheit habe. Auch wenn der Rasen runtergespielt wurde, entstehen keine Kuhlen, wie man sie aus den Torräumen kommunaler Anlagen kennt, die immer ausgespielt sind und 30cm tiefer liegen als die restliche Oberfläche. Das passiert bei Hybridrasen nicht – er ist sehr stabil, man kann keine Kuhlen reinspielen. Das bedeutet hervorragendes Ballrollverhalten, auch wenn der Rasen mal nicht mehr optimal da ist. Die Ebenheit ist immer gut, die Wasserdurchlässigkeit entsprechend hoch. Der Nachteil ist eine intensivere Pflege. Jeder Rasenplatz sollte mindestens einmal im Jahr besandet werden. Durch diese Pflegemaßnahmen und abgestorbene Pflanzenmasse erhöht sich der Rasen im Laufe der Zeit und es wächst ein sogenannter Pflegehorizont. Das darf bei Hybridrasen nicht passieren, weil dann die Hybridfunktion verloren geht. Man spielt nicht mehr mit den Kunststoffrasenfasern oder hat sie nicht mehr als Stabilität, sondern oben liegt der Pflegehorizont – dann ist der Hybrideffekt weg und bringt nichts mehr. Deshalb muss ich die organische Substanz immer reduzieren, damit der Hybrideffekt erhalten bleibt. Bundesligisten oder Betreiber von Hybridsystemen fräsen normalerweise einmal im Jahr in der Sommerpause ihren Rasen ganz dünn raus und säen neu an, damit der Hybrideffekt bleibt. Das ist ein Kostenfaktor, den man beim normalen Naturrasen nicht hat.

Stadionwelt: Open-Air-Veranstaltungen sind für viele Stadien wirtschaftlich wichtig, zerstören aber das Spielfeld. Gibt es Hybrid-Lösungen, die nach Konzerten schnell wieder spielbereit sind?
chneider: Das Einfachste ist: abfräsen, Rollrasen rein, und die Saison kann beginnen. Hybrid kann man nicht erhalten. Es gibt zwar Hybridmatten – Bayern München hat beispielsweise einen Hybrid-Rollrasen bekommen, weil im Olympiastadion umgebaut wird und dort keine Konzerte mehr stattfinden können. Diese Hybridmatte wird vor dem Konzert rausgenommen und auf dem Trainingsplatz verlegt. Nach dem Konzert kommt ein neuer Hybrid-Rollrasen rein. Das funktioniert, aber man kann nie die Hybridfunktion für ein Konzert erhalten. Mittlerweile gibt es auch Varianten mit kürzerer Stichtiefe – normalerweise implementiert man die Kunststofffasern etwa 18cm tief in den Boden. Neue Anbieter stitchen nur noch 8 oder 12 cm tief, dann ist es einfacher, das Material wieder rauszunehmen. Aber es kann trotzdem nicht für ein Konzert drinbleiben und danach einfach weiter genutzt werden. Es gibt kein Hybridsystem, das Konzerte übersteht und danach einfach weiter bespielt werden kann.

Stadionwelt: Werden Sie oft für solche Praxisfragen zur Beratung hinzugezogen?
Schneider: Durchaus. Ich mache relativ viel in der Sommerpause – man fährt in die Stadien und begutachtet vor Konzerten oder Veranstaltungen das Spielfeld: Wie ist die Qualität, wie ist die Spielfeldoberfläche? Nach dem Konzert fahre ich wieder hin und erstelle ein Gutachten, um Betreibern und Veranstaltern sagen zu können, welche Maßnahmen erforderlich sind, um das Spielfeld wieder auf den alten Stand zurückzubringen. Das geht natürlich nicht bei Hybridrasen, sondern bei normalen Naturrasenspielfeldern.

Stadionwelt: Die Greenkeeper-Ausbildung wurde intensiviert und professionalisiert. Wie stellt sich diese Entwicklung für Sie dar?
Schneider: Das ist definitiv viel besser geworden. Seit der WM 2006 ist der Austausch zwischen den Greenkeepern deutlich intensiver geworden. Es gibt die DEULA-Bildungszentren – das sind landwirtschaftliche Fachschulen wie die DEULA Rheinland oder andere DEULA-Standorte – wo man spezialisierte Ausbildungen machen kann: vom Fußballplatzwart bis hin zum Head-Greenkeeper. Das ist eine richtige Prüfung, quasi wie eine Diplomprüfung für den Head-Greenkeeper. Das ist natürlich super, weil es dann extra ausgebildete Personen für den Rasen gibt, ob Golf oder Fußballrasen.

In einem Bewitterungsgerät wird die Sonnensimulation durchgeführt.
In einem Bewitterungsgerät wird die Sonnensimulation durchgeführt. Bild: LABOR LEHMACHER | SCHNEIDER GmbH & Co. KG

Stadionwelt: Die Expertise kommt ursprünglich aus dem Golfbereich. Gibt es mittlerweile spezielle Fußball-Expertise?
Schneider: Es ist grundsätzlich relativ ähnlich. Ich habe natürlich im Fußballstadion ganz andere klimatische Gegebenheiten als auf dem Golfplatz, der im Freien liegt, wo Luft rankommt und Wind darüber pfeift. Ich habe keine Verschattung – das ist schon etwas anderes, da hat jedes Stadion sein eigenes Mikroklima. Aber grundsätzlich geht es um Rasen: Wie pflegt man Rasen, wie bekämpft man Krankheiten etc. Das ist überall vergleichbar.

Stadionwelt: Wie steht Deutschland mit seinen Spielfeldern im internationalen Vergleich da?
Schneider: Wir brauchen uns nicht zu verstecken. Das hat die Europameisterschaft gezeigt – selbst nach dem Starkregenereignis in Dortmund konnte sofort nach der Spielunterbrechung weitergespielt werden. Die professionellen Plätze brauchen sich im internationalen Vergleich nicht vor anderen zu verstecken. Der einzige Unterschied ist, dass in England die Arbeit des Greenkeepers viel mehr geschätzt wird als in Deutschland. Dort hört ein Trainer auf den Greenkeeper. Wenn der Greenkeeper sagt: „Heute spielst oder trainierst du bitte nicht auf diesem Spielfeld, geh lieber auf das andere, dann zählt das, was der Greenkeeper sagt. In Deutschland fehlt dieser Respekt vor den Greenkeepern und deren Arbeit noch. Das wird zwar auch immer besser, aber es ist schon noch ein Unterschied. (Stadionwelt, 20.08.2025)

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