04.07.2012 - Euro 2020


Sonderthema: Das sagen Experten zu Platinis Idee


Ist es eine vage Idee, eine Reform oder gar eine Revolution der Fußball-Europameisterschaft? Fakt ist: Die Überlegungen von UEFA-Präsident Michel Platini, die EURO 2020 in 12 bis 13 Ländern in Europa auszutragen, werden nicht nur innerhalb der UEFA ernsthaft diskutiert und geprüft.

Bis Dezember 2012 soll eine Kommission der UEFA ein Konzept erstellen, das ein solches Szenario für die 16. Fußball Europameisterschaft vorsieht. Ebenfalls bis dahin wird die UEFA eine detaillierte Beschreibung des Bewerbungsreglements vorstellen. Ab Dezember 2012 sollten dann an der Ausrichtung interessierte Verbände mit der Vorbereitung ihrer Bewerbungsunterlagen beginnen, die im September 2013 bei der UEFA einzureichen sind. Im Anschluss daran werden die eingereichten Dossiers bewertet und der oder die Ausrichter im Mai 2014 bekanntgegeben.

Gegenüber Stadionwelt bestätigt die UEFA zwar, dass die Überlegungen ernsthaft diskutiert und untersucht werden, doch zu Details gäbe es mit Verweis auf den Zeitrahmen für das Bewerbungsverfahren derzeit keine Stellungnahme. Doch nicht nur hinter den Mauern der UEFA ist der Vorschlag ein Thema. Auch in der Öffentlichkeit wird das Thema breitflächig und kontrovers diskutiert, was angesichts der Ankündigung des UEFA-Präsidenten wohl auch gewünscht war. In diesem Zusammenhang fällt das internationale Medienecho auf die Idee von Michel Platini im ersten Schritt weitgehend negativ aus. So sieht das Sportmagazin Kicker die Idee „an der Realität vorbei“. Die Zeit hingegen sieht es differenzierter und kommentiert Platinis Gedanken auch als „gewagt, kreativ und gut für die europäische Idee“. Während aus Fankreisen die Empörung zunächst groß war, scheinen sich aber einige Fußballbegeisterte mit der Idee anzufreunden. Während bei der UEFA also Pläne für „Platinis Europatour“, wie es die britische Tageszeitung „The Sun“ umschrieb, geschmiedet werden, fragte Stadionwelt bei Stadionexperten nach, was sie von der Idee halten.

Pressestelle der UEFA:

"Die Idee wird bis Dezember 2012 intern diskutiert und konzipiert. Unter Berücksichtigung des Zeitrahmens für das Bewerbungsverfahren wird es bis dahin auch keine weitere Stellungnahme seitens der UEFA zu dem Thema geben.

Wolfgang Niersbach, Präsident Deutscher Fußball Bund:

"Der DFB ist offen für solche Planspiele, über die mich Michel Platini vorab informiert hatte, aber ein endgültiges Urteil ist erst möglich, wenn die von der UEFA eingesetzte Kommission bis ins letzte Detail eine Konstruktion entwickelt hat."

Thorsten Meier, Leiter Marketing/Organisation AWD-Arena, Hannover:

„Zunächst habe ich mich über den Vorschlag gewundert, da es ja eigentlich den ursprünglichen beziehungsweise gewohnten Charakter einer EURO ad absurdum führt. Eine Umsetzung halte ich aber durchaus für möglich, weil die Entfernungen innerhalb Europas nicht so groß sind. Vor allem die Länder und Städte, die bereits über moderne Stadien und eine gute Infrastruktur verfügen, würden von der Umsetzung des Konzepts profitieren, da dort keine großen Investitionen mehr getätigt werden müssten. Deutschland wäre beispielsweise ein Kandidat, der mehrere Spiele austragen könnte. Und auch Hannover würde mit in die Verlosung kommen. Bei uns hat die WM 2006 stattgefunden und die AWD Arena und das Umfeld werden den internationalen Ansprüchen absolut gerecht. Sollte die UEFA sich für ein solches Modell entscheiden, wären wir auf jeden Fall flexibel genug, diese organisatorische Herausforderung zu stemmen.“

Hans-Jörg Otto, Leiter Stadionbetrieb glücksgas Stadion, Dresden:

„Die Umsetzung einer solchen EURO würde aus organisatorischer Sicht einen erheblichen Mehraufwand bedeuten. Nicht nur bei dem Thema Reisen, sondern auch in der Logistik. Schon allein deswegen glaube ich nicht an eine Umsetzung und denke, dass es wohl eher eine Bauchidee von UEFA-Präsident Platini war. Aus Fansicht sehe ich es auch problematisch. Wenn ich mir vorstelle, dass ich nach Madrid, London und Rom reisen muss, um die Vorrundenspiele zu sehen, würde ich mir lieber nur die lokalen Spiele angucken. Der Charme, ein bestimmtes Land im Rahmen eines sportlichen Großereignisses zu entdecken, geht einfach verloren.“

Benjamin Muckel, Technischer Leiter Borussia-Park, Mönchengladbach:

„Für das austragende Land und deren Bevölkerung ist die EURO ein absoluter Imagegewinn und bringt außen- und innenpolitisch wie auch infrastrukturelle Vorteile. Bevölkerung und Behörden arbeiten zusammen an einer reibungslosen Abwicklung eines solchen Turnieres. Die Länder können sich als gastfreundliche Gastgeber präsentieren. Dies würde alles wegfallen. Eine Verteilung auf mehrere Städte bricht die EURO auf ein „Stadt-Image“ herunter.“

Knut Keymer, Teamleiter Marketing VfL Bochum:

„Aus Marketingsicht hat ein solches Konzept sicherlich Potenzial. Durch die Möglichkeit, in vielen großen Stadien in europäischen Metropolen zu spielen, besteht grundsätzlich die Möglichkeit, mehr Zuschauer zu erreichen. Vermarktungstechnisch könnten also Einnahmen maximiert werden. Ich bin allerdings skeptisch, ob das Konzept in der Praxis funktioniert. Da sind zum Beispiel der große logistische Aufwand, die Mannschaften von A nach B zu transportieren und der organisatorische Aufwand, die Stadien für zwei EM-Spiele herzurichten. Darüber hinaus kann ich mir vorstellen, dass es bei so vielen Mannschaften, Spielen und Stadien zu Konflikten beim Thema Heimvorteil kommen könnte, da eine gerechte Aufteilung de facto kaum umsetzbar ist. Auch würde der Flair, in ein bestimmtes Gastgeberland zu reisen, verloren gehen, was sich negativ auf die Stimmung auswirkt. Alles in allem sehe ich die Idee als nicht realistisch und nicht vernünftig.“

Stefan Kuntz, Vorstandsvorsitzender 1. FC Kaiserslautern:

„Grundsätzlich ist die Fußball-Europameisterschaft auch immer eine Möglichkeit, eine professionelle Infrastruktur in dem Austragungsland aufzubauen. Wenn diese Notwendigkeit nicht mehr gesehen wird, wäre Platinis Idee überlegenswert. Man sollte jedoch keine vorschnelle Entscheidung treffen.“

Winfried Lonzen, Geschäftsführer der ZSL Betreibergesellschaft mbH, Leipzig:

„Ich finde es nicht schlecht, dass diese Diskussion angestoßen wurde. Aus Kostengründen ist die Idee von Platini sicherlich nachvollziehbar, da die einzelnen Länder finanziell nicht mehr so stark belastet werden und bereits bestehende Infrastruktur genutzt werden kann. Dennoch geht durch die dezentrale Austragung der Fußball-Europameisterschaft der regionale Aspekt verloren und damit auch der Reiz eines solchen Großevents. Ein Problem speziell für die Leipziger Red Bull Arena mit einer Stadionkapazität von etwas mehr als 40.000 sehe ich darin, dass in den einzelnen Ländern sicherlich nur die ganz großen Stadien berücksichtigt werden würden. Leipzig wäre hier nicht dabei.“ (Stadionwelt, 04.07.2012)

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