12.09.2012 - Offenbach


„Nicht nur der Fußball spielt eine große Rolle“


Stadionwelt sprach mit Peter Walther, Geschäftsführer der Stadtwerke Offenbach Holding GmbH und Andreas Herzog, Betriebsleiter bei der SBB Stadiongesellschaft Bieberer Berg mbH Offenbach über planerische und betriebliche Aspekte des neuen Sparda-Bank-Hessen-Stadions.

Peter Walther und Andreas Herzog
Peter Walther und Andreas Herzog
Stadionwelt: Warum haben Sie sich für ein Stadion nach englischem Vorbild mit vier Tribünen entschieden?
Walther: In der Vergangenheit stand auf dem Bieberer Berg ein Stadion mit vier Tribünen, daher war es uns wichtig, architektonisch an das alte Stadion anzuknüpfen. In der Ausschreibung wurden geschichtliche Informationen zur Stadt angefügt und die Aufgabe gestellt, ein Stadion zu entwerfen, das zu Offenbach passt. Die Architekten haben diese Frage unterschiedlich beantwortet. Die Bremer AG hat sich entschieden, die Fassade der Haupttribüne zu verklinkern und damit auch Beiträge der Fans berücksichtigt, die unter anderem in Anlehnung an das Mutterland des Fußballs ein Backsteinstadion forderten. Wir haben damit einem Entwurf zugestimmt, der gut zur Industriestadt Offenbach passt.

Stadionwelt: Das Fassungsvermögen des Stadions liegt bei 20.500 Zuschauern. Welche Beweggründe stecken hinter dieser Kapazität?
Walther: Ursprünglich war ein Stadion für 18.500 Zuschauer mit einer Erweiterungsoption geplant, die die Kapazität auf bis zu 20.500 Besuchern erhöhen sollte. Im Laufe des Ausschreibungsverfahrens haben wir festgestellt, dass der OFC zwei bis drei Mal im Jahr ein ausverkauftes Haus hat. Daher gab es im Aufsichtsrat die Idee, Teile der Erweiterung vorzuziehen und schon zu Baubeginn umzusetzen. Die ursprünglichen 18.500 waren eine gegriffene Zahl. Die Frage war vielmehr, was man im Rahmen des Budgets darstellen kann und wir haben uns daher überlegt, auf andere Elemente, wie etwa eine zweiten Anzeigetafel, zu verzichten, um möglichst viele Zuschauerplätze generieren zu können.

Stadionwelt: Die Sicht einiger Plätze im Bereich hinter den Toren wird von Betonpfeilern eingeschränkt.
Walther: Wir hatten ein stützenfreies Stadion vorgegeben, durch die vorgezogene Erweiterung wurden jedoch die Stützen erforderlich. Es gibt die Vereinbarung, diese sichtbehinderten Plätze nicht in den Ticketverkauf zu geben, was beim heutigen Zuschauerschnitt kein Problem darstellt. An einem Großteil dieser Plätze sind daher gar keine Sitze montiert.

Stadionwelt: Konnten letztendlich alle Planungen umgesetzt werden?
Walther: Von dem, was wir uns vorgenommen haben, etwa an Funktionalität oder der Anzahl der Zuschauerplätze, konnten wir alles erfolgreich verwirklichen – abgesehen von dem einen oder anderen kleinen Raum, der aus dem Raumprogramm gestrichen werden musste. In der ursprünglichen Planung war dagegen die Photovoltaik-Anlage nicht enthalten, die wir auf den beiden großen Dächern installiert haben.

Stadionwelt: Welche Gesichtspunkte bezüglich einer multifunktionalen Nutzung des Stadions wurden berücksichtigt?
Walther: Im Sparda-Bank-Hessen-Stadion spielt nicht nur der Fußball eine große Rolle. Wir werden mit Sicherheit zusätzliche Events durchführen. Die Commerzbank Arena in Frankfurt ist natürlich viel größer als das Sparda-Bank-Hessen-Stadion, aber das räumt uns gleichzeitig auch eine Alleinstellung in der Rhein-Main-Region ein. Denn wir füllen in dieser Region eine Nische. Jeder Veranstalter, der in Frankfurt nur eine halbe Arena füllen kann, hat bei uns ein volles Stadion. Wir haben also frühzeitig in der Planung berücksichtigt, dass wir alle technischen Voraussetzungen schaffen, um große Veranstaltungen durchführen zu können. Auch die notwendigen Zufahrtsmöglichkeiten für die LKWs wurden geschaffen. Wir glauben, dass wir von diesen Maßnahmen profitieren können. Neben den Standards wie Tagungen und Konferenzen soll das Stadion auch eine Location für größere Veranstaltungen werden. Wir haben außerdem den Vorteil, dass das Stadion als Symbol der Stadt nah am Offenbacher Zentrum liegt. Es wurde daher eine Ladenzeile integriert, deren sechs Flächen von circa 60 bis 230 Quadratmetern heute schon vermarktet sind.

Stadionwelt: Welche ökologisch-ökonomischen Aspekte sind in die Planungen eingeflossen?
Walther: Wenn man ein Stadion baut, muss man heutzutage immer energietechnische Regeln einhalten. Das haben wir getan und alle Standards berücksichtigt. Im Stadion wurden zahlreiche Räume eingerichtet, die vielfältig genutzt werden können und sollen. Das Sparda-Bank-Hessen-Stadion ist kein Ort, der nur alle zwei Wochen geöffnet wird. Hier gibt es beispielsweise regelmäßigen Bürobetrieb: Eine Filiale der Sparda-Bank Hessen, einen OFC-Fanshop, eine Kommunikations-Agentur sowie ein Friseur- und Kosmetikstudio sind unter dem Offenbacher Stadiondach eingezogen.

Herzog: Man achtet selbstverständlich auch darauf, dass das Heizungssystem direkt an die Rasenheizung gekoppelt ist. Auch die Gebäudeleittechnik wird zentral gesteuert. Es wird versucht die Kosten relativ gering zu halten. Insgesamt gehen wir davon aus, dass der Energieverbrauch nicht höher ist als im alten Stadion, obwohl der Neubau viel intensiver genutzt wird. Wir haben auch darauf geachtet, behindertenfreundliche Strukturen zu schaffen – gerade was die Wege und Wegeführungen angeht. Rollstuhlfahrer gelangen problemlos zu ihren Plätzen vor der Haupttribüne. Auf einem der beiden VIP-Parkplätze wurden außerdem Parkflächen geschaffen, sodass behinderte Fußballfans kurze Wege vom Parkplatz ins Stadion haben.

Stadionwelt: Sagen Sie bitte etwas zu Ihrem Energiekonzept.
Herzog: Es kommt auch immer darauf an, welche Veranstaltungen man hat. Wenn viele Konzerte und Fußballspiele im Terminplan stehen, dann wird auch der Energieverbrauch ein Thema. Oder in der zweiten Liga muss im Winter der Spielbetrieb gewährleistet werden. Da kann es sein, dass die Rasenheizung durchgehend laufen muss, damit der Platz bespielbar bleibt.

Stadionwelt: Wie haben Sie bei den Betriebskosten kalkuliert?
Walther: Im Ursprungspapier gehen wir von einem Nullsummenspiel aus. Es ist also geplant, dass wir aus dem Betrieb heraus keine Kosten verursachen. Wir stützen uns auf drei Säulen, über die wir ein ausgeglichenes Ergebnis erwirtschaften wollen. Auf der einen Seite haben wir die Einnahmen aus der Vermietung an den OFC, daneben die Einkünfte vom Namensgeber. Die dritte Säule bilden die Vermarktung im VIP-Bereich, zusätzliche Veranstaltungen wie beispielsweise das U21-Länderspiel gegen Argentinien und Konzerte.

Stadionwelt: Wann haben Sie das Facility Management in die Planungsphase des Projektes einbezogen?
Walther: Damit haben wir uns eigentlich relativ früh und zwar unmittelbar nach Baubeginn beschäftigt und auch die beteiligten Vereine mit in diese Fragestellung einbezogen. Die Stadiongesellschaft ist Teil der Stadtwerke und die EEG Entwicklung Erschließung Gebäudemanagement GmbH, eine weitere Tochtergesellschaft der Stadtwerke, betreut die städtischen Gebäude. Dort ist alles vorhanden, was nötig ist, um den technischen Betrieb zu gewährleisten. Da war es naheliegend, das Gebäudemanagement in den eigenen Reihen zu halten und auf ein eingespieltes System zu setzen.

Herzog: Wir haben eine kleine Truppe von etwa acht Mitarbeitern, die Hand in Hand arbeiten und sich ständig austauschen können, da die Büros unmittelbar miteinander verbunden sind. Das betrifft das Greenkeeping, den Hausmeisterservice und die Techniker, die die umfangreiche Gebäudeleittechnik steuern.

Stadionwelt: Ein Teil des Gebäudemanagements ist die möglichst optimale Nutzung von Wasser und Licht. Welche Strukturen haben Sie in diesen Bereichen geschaffen?
Herzog: Um Regenwasser auffangen zu können, wurden Zisternen errichtet. Das gewonnene Wasser wird unter anderem zum Rasensprengen wiederverwendet. Um die Energiekosten gering zu halten, haben wir im Lichtmanagement außerdem im ganzen Stadion Bewegungsmelder installiert. Die Energie aus der Photovoltaik-Anlage wird allerdings nicht direkt für den Stadionbereich genutzt, sondern ins öffentliche Netz eingespeist.

Stadionwelt: Welche Aspekte haben Sie bezüglich Ihres Nutzflächenkonzeptes berücksichtigt?
Herzog: Was das Thema Geschäftsräume angeht, haben wir uns in einer engen Verbindung mit dem Verein gesehen und uns mit dem Club abgestimmt. Im Businessbereich wurden multifunktionale und großzügige Räume geschaffen, die ohne Verschachtelungen auskommen. Bei der Ausstattung haben wir uns für eine mobile Einrichtung entschieden. Auf 600 Quadratmetern sind nur die beiden Theken fest installiert, dadurch bieten sich uns flexible Gestaltungsmöglichkeiten. Wenn wir auf die Funktionsräume kommen, haben wir auch hier versucht mit dem OFC eine ideale Lösung zu finden. Die Mannschaft trainiert unter der Woche auf den Rasenplätzen hinter dem Stadion und nutzt den Kabinenbereich daher ganzjährig.

Stadionwelt: Welches Konzept verfolgen sie im Catering-Bereich?
Walther: Der Exklusiv-Caterer, die Firma Kegelimpuls vom alten Bieberer Berg, hatte noch einen gültigen Vertrag und der wird auch im Sparda-Bank-Hessen-Stadion weitergeführt. Wir mussten hier kein Risiko eingehen und konnten uns auf deren Erfahrungen verlassen. Vertraglich ist auch geregelt, dass die verwendeten Einwegbecher aus Maisstärke gefertigt sind und hundertprozentig abbaubar sind.

Stadionwelt: Für welches Ticketing-System haben Sie sich entschieden?
Herzog: Das Ticketing während der Spiele liegt im Zuständigkeitsbereich des Vereins, der arbeitet mit LMS-Service. Der Club hat keine elektronische Zugangskontrolle, die Tickets werden in Papierform ausgedruckt und von Ordnern in Schleusen kontrolliert. Hintergrund dieses Systems sind rein monetäre Aspekte. Wir haben aber die Vorrichtungen an allen Eingangstoren so konstruieren lassen, dass wir in Zukunft neue Systeme implementieren können – auch an den Kassen und Kiosken können wir problemlos auf ein bargeldloses Zahlungssystem umsteigen. (Stadionwelt, 12.09.2012)





        





Weitere News zum Thema „Sparda-Bank Hessen Stadion“:
15.09.2014: Jugend-Weltrekord im Offenbacher Stadion
15.03.2014: Offenbach nimmt Abschied
11.03.2014: VIP-Räume könnten zu temporärem Rathaus werden
28.05.2013: Rettung durch Stundung der Stadionmiete
15.03.2013: Auch OFC mit Punktabzug bestraft

Alle 26 News anzeigen



Kommentar schreiben

Name:


Kommentar:


Kommentar-Regeln