24.09.2008 - Stadionkonzerte


„Möglichst wenig hart reflektierende Flächen einbauen!“


Wolfgang Neumann
Wolfgang Neumann
Oft wird nach Konzerten in Stadien oder Arenen Kritik am Sound laut. Im Interview klärt Wolfgang Neumann, Vorstandvorsitzender der Sirius Showequipment AG auf, woher die Probleme kommen und welche Lösungen die Situation verbessern könnten.

Stadionwelt: Herr Neumann, geben Sie bitte vorab einige Beispiele von großen Shows, bei denen die Sirius Showequipment AG für den Sound zuständig war.

Neumann: Wir haben unter anderem alle Europa-Tourneen von Bruce Springsteen seit 2002 gemacht, diverse Lenny-Kravitz-Touren, drei Mal PUR auf Schalke und alle Tourneen seit 1998, die Meat Loaf European Tour, die Eröffnung der Fußball-WM in der Allianz Arena in München und hier auch Goal for Africa.

Stadionwelt: Welche grundsätzlichen Probleme und Herausforderungen beim Sound gibt es bei Stadionkonzerten?

Neumann: Das Hauptproblem ist, dass man mit dem Beschallungssystem auf sehr viele glatte reflektierenden Flächen im Zuschauerraum, zum Beispiel aus Beton oder Glas, trifft. Hier wird die Schallenergie wieder in den Raum zurückgegeben, anstatt absorbiert oder gebrochen zu werden. Diese Reflektionen erzeugen den Nachhall und je nach Arena ein unterschiedliches Klangbild.

Stadionwelt: Welche diesbezüglichen Eigenschaften einzelner Stadien sind vorher bekannt – und welcher Zeitraum bleibt jeweils, um den Sound zu optimieren?

Neumann: Jede dieser Arenen ist anders, aber sehr viele ähneln sich zumindest, was die Akustik angeht. Meist hat man vorher einen Grundriss und einen Schnitt, damit man weiß, wie hoch der letzte Platz ist. Dies ist wichtig zu wissen, da man sein „Line Array“ curven, also ausrichten muss, um mit dem Sound auch bis zum letzten Sitz zu kommen. Was in Arenen natürlich wegen der großen Entfernungen, die der Schall zurücklegen muss, eine äußerst diffizile Aufgabenstellung ist, denn meist hat man für das System-Tuning nur zwei bis maximal drei Stunden zur Verfügung, da kann man keine aufwendigen Messungen an verschiedenen Plätzen der Arena machen. Das würde einen ganzen Tag dauern, wenn man es richtig machen will. Aber die Zeit hat man auf Tour leider nicht zur Verfügung.

Stadionwelt: Mit welcher Erwartung darf man als Zuschauer in ein Stadionkonzert gehen - und garantieren die teuersten Plätze den besten Sound?

Neumann: Man sollte, wenn man in ein Stadion geht, nicht die Akustik eines Konzerthauses oder eines Theaters erwarten! Wenn man im Direktschallbereich des Haupt-PA-Systems sitzt, hat das den Vorteil, dass man die wenigsten Reflektionen aus dem Raum abbekommt, und man hat somit den besten Sound im ganzen Raum. Also mein Tipp: zwischen Mischpultplatz, meist in der Mitte des Innenraums, bis vor der Bühne ist eigentlich der Sound immer gut! Wenn der Sound hier nicht stimmt, hat der Kollege am Mischpult ein Problem. Dann klingt der Rest der Arena auch nicht.

Stadionwelt: Mit welcher Ausstattung kann das Stadion oder die Arena zum guten Sound beitragen?

Neumann: Die Installation eines sehr guten Hausbeschallungssystems, eines Line Array Systems, für die Ränge, das sich richtungsbezogen ansteuern lässt, würde den Kollegen auf Tour vieles erleichtern und mit Sicherheit die Klangqualität von Tourproduktionen erhöhen. An das Stadiondach können wir auf Tournee meist nichts hängen. In den großen Multifunktionshallen sind diese Systeme eingebaut.

Stadionwelt: An diesem Punkt fragt der Betreiber, was das Ganze kostet…

Neumann: Das lässt sich pauschal nicht sagen. Aber es ist mit Sicherheit sehr teuer. Ich halte jedoch dagegen: Man könnte eventuell mit einem sehr guten Sound auch mehr Einnahmen generieren, wenn das Publikum sehr zufrieden war und gerne wiederkommt.

Stadionwelt: Es scheint, als wäre man in vielen Fällen in den USA weiter, was die Ausstattung der Stadien angeht.

Neumann: Ja, in den USA wird einfach grundsätzlich mehr Geld für Event-Technik ausgegeben, was wir auch als Auftragnehmer amerikanischer Konzertveranstalter deutlich merken. In Deutschland scheint man das Motto "Geiz ist geil" doch sehr verinnerlicht zu haben.

Stadionwelt: Es soll aber nicht der Eindruck entstehen, wir hätten hier keinen gut Sound.

Neumann: Nein, so ist es auch nicht, und Schlagzeilen entstehen immer nur dann, wenn es Probleme gibt. Zum Beispiel vom Sound in der Mannheimer SAP-Arena bin ich immer begeistert und auch Kollegen, mit denen ich spreche.

Stadionwelt: Wie können Architekten oder Fachplaner für einen guten Sound sorgen – bei allen Kompromissen wegen der Multifunktionalität?

Neumann: Zum Beispiel sollte man, wenn man ein fahrbares Dach in die Arena einbaut, darauf achten, dass man nicht eine riesige Reflektionsfläche für die Schallenergie baut, die von unten im Raum gegen das Dach trifft, um dann gigantische Echos und Reflektionen zu erzeugen. In den meisten Arenen ändert sich die Akustik sofort zum Positiven, wenn man das Dach öffnet. Ansonsten gilt: möglichst wenig hart reflektierende Flächen einbauen!

Stadionwelt: Wie viel Prozent macht das Bauwerk aus, wie viel die Technik, wie viel der Toningenieur?

Neumann: Also wenn ein Raum nur aus harten Betonwänden besteht, die den Schall als Reflektion wieder in den Raum zurückgeben, macht das Bauwerk mehr als 50 Prozent aus. Die modernen Tourneeproduktionen haben heutzutage alle modernste Line Array Systeme als Beschallungsanlage mit. An der Qualität der Anlage liegt es somit in den wenigsten Fällen. Der Toningenieur, der die Show fährt, hat natürlich einen erheblichen Einfluss auf das Ergebnis. Wenn er zu viel Energie in den Raum pumpt, wird sich der Schall überschlagen, und beim Publikum kommt ein einziger Brei an. Ich würde sagen 50 Prozent Arena, 20 Prozent Technik, 30 Prozent Toningenieur.

Stadionwelt: Besteht nicht die Möglichkeit, so zu disponieren, dass immer ein Toningenieur zum Einsatz kommt, der das jeweilige Stadion kennt?

Neumann: Auf Tourneen leider nicht. Da hat die Band einen eigenen Kollegen am Mischpult mit, auf den wir keinen Einfluss haben. In Fällen, wo man sich schon länger kennt, wenn wir zum Beispiel in Deutschland eine Bruce-Springsteen-Tournee machen, tauschen wir uns auch im Vorfeld aus wegen diverser Arenen. Wir werden aber in den wenigsten Fällen gefragt.

Stadionwelt: Aber es gibt doch unternehmens- oder brancheninterne Workshops, in denen die spezifischen Probleme der Stadionbeschallung behandelt werden.

Neumann: Die gibt es, sicher. Wir verwenden auch Computer mit CAD-Programmen zur Simulation und können die Schallentwicklung genau prognostizieren. Aber da, wo der Schall auf Glas oder eine riesige Hallendecke trifft, lässt sich für die Praxis beim Konzert nichts mehr vorhersagen. Das geht nur vor Ort während der Show.

Stadionwelt: Welche Entwicklungen haben Sie in den letzten Jahren beobachtet?

Neumann: Die modernen Line Array-Beschallungssysteme werden immer besser. Damit meine ich, dass man inzwischen nicht unbedingt ein bestimmtes System eines speziellen Herstellers haben muss, um solche Aufgaben zu bewältigen. Allerdings scheint mir, dass man auf der planerischen und baulichen Seite sich nicht genug Gedanken macht in Sachen Raumakustik. Ich glaube, da gibt es noch sehr viele Ansatzpunkte und Lösungsansätze, die man aufgreifen könnte, um gemeinsam mit interessierten Planern nach geeigneten Lösungen zu suchen. (Stadionwelt, 24.09.2008)





        





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