07.12.2011 - WM 2022


Katar: „Fokus auf die Olympia-Bewerbung 2020“


In Doha fand vom 12. bis 15. November die zweite Ausgabe des ASPIRE4SPORTS-Kongresses statt. Stadionwelt unterhielt sich mit Tilmann Engel, Geschäftsführer von Sport Business Consulting International über die Ergebnisse und Erkenntnisse der Veranstaltung.

Tilmann Engel
Tilmann Engel

Stadionwelt: Am 1. September wurde Doha vom IOC zusammen mit Rom, Madrid, Istanbul, Tokio und Baku zur Applicant City für die Olympischen Spiele 2020 ernannt. Hatte das Auswirkungen auf den Kongress?

Engel: Definitiv. Ursprünglich stand die Veranstaltung, die auf dem Gelände der ASPIRE Academy for Sports Excellence stattfand, in Planung und Ankündigung ganz im Zeichen der FIFA Fußball-WM 2022. Die Gastgeber haben aber im Lauf der Vorbereitungen den Fokus auf die Olympiabewerbung für 2020 verlagert. Dementsprechend ist das Programm der Veranstaltung und die angekündigten Sport-Celebrities, zum Teil abgeändert worden. Die Bemühungen um die ersten Olympischen Spiele auf arabischem Boden werden mit aller Kraft vorangetrieben. Die Umsetzung der FIFA WM 2022 tritt dem gegenüber mittelfristig in den Hintergrund. So wurde im Vorlauf des Kongresses angedeutet, dass der General Sekretär des 2022 Organizing Committees, Hassan al-Thawadi, den Project Manager benennen würde, der die WM-Projekte mit den Gesamtinfrastruktur-Planungen im Rahmen von Qatar Vision 2030 zusammen führen würde. Zur Enttäuschung der internationalen Projektfirmen, die in großer Zahl zu dem Kongress angereist waren, fand diese Ankündigung jedoch erneut nicht statt.

Stadionwelt: Wie macht sich diese Interessenverschiebung – abgesehen vom abgeänderten Kongress – denn bemerkbar?

Engel: Das entsprechende Bewerbungskomitee ist deutlich prominenter besetzt als das für die Fußball-WM 2022. Dort sind viele Mitglieder vertreten, die in der hierarchischen Struktur des Emirats und der Herrscherfamilie weiter oben stehen. Dem IOC soll eine glaubwürdige Bewerbung vorgelegt werden, die gute Chancen bei der Vergabe am 7. September 2013 haben soll. Dieser Bewerbung steht nunmehr der Thronfolger Sheikh Tamim bin Hamad al-Thani persönlich vor und eben nicht mehr, wie noch bei der WM-Bewerbung, sein 25-jähriger Bruder Sheikh Mohamed. Der Thronfolger ist auch Präsident des Olympischen Komitees und Chairman der Aspire Academy, in der seit einigen Jahren 250 männliche Jungendliche in sechs olympischen Kernsportarten gefördert und darüber hinaus auch schulisch ausgebildet werden.

Stadionwelt: Und wie wirkt sich das auf die Planung der WM 2022 aus?

Engel: Nun, diese wird voraussichtlich für die kommenden beiden zwei Jahre eher in den Hintergrund rücken, bis das IOC die Spiele 2022 vergibt und sich damit für die Vielzahl der vernetzten Infrastrukturprojekte deutlichere Prioritäten ergeben. Für Olympia sind ja sportinfrastrukturell ganz andere, weil weitaus vielfältigere und komplexere Maßnahmen erforderlich, als für eine Fußball-WM. In der Umgebung von Doha alleine müssten bis zu 30 neue Sportstätten für verschiedene Sportarten komplett neu errichtet werden, dazu kommen ja auch noch die notwendigen Trainingsanlagen. Auch die Zahl der aktiven Teilnehmer erfordert eine weitaus umfangreichere Planung, denn die vielen Athleten und Funktionäre müssen untergebracht und zeitnah zu den Wettkampfstätten kommen können. Gleichzeitig kann das Olympische Dorf aber auch eine Initialzündung für die geplanten Urbanisierungsprojekte wie Lusail City nördlich von Doha sein, das zu einer Retortenstadt für 200.000 Einwohner ausgebaut werden soll. Die beiden Organisations- beziehungsweise Bewerbungskomitees stehen daher in einem Wettbewerb miteinander, worauf sich auch die interessierten internationalen Projektfirmen einrichten müssen. Hinsichtlich der WM-Umsetzung hat sich seit der Vergabe im vergangenen Jahr nicht sehr viel getan. Das Organisationskomitee 2022 wurde zwar benannt, aber ein erstes, so genanntes Kick-off-Meeting hat es noch nicht gegeben, die wirklichen operativen Ebenen der Organisationskomitees gibt es noch gar nicht. Die politische Führung des Emirats, die dort vor allem vertreten ist, beschäftigt sich derzeit vorrangig mit der Lage in Libyen, im Iran, in Syrien und mit der Welt-Finanzkrise. Auch die angekündigte Ausschreibung eines Master-Stadions für die WM 2022, nach dessen Vorbild die anderen elf Stadien technologisch gestaltet werden sollen, hat sich bereits wiederholt verschoben. Zudem scheint es so zu sein, dass das Turnier tatsächlich eher im Winter stattfindet. Offiziell wird weiter mit den Sommermonaten geplant, hinter den Kulissen verdichten sich aber die Hinweise auf eine Austragung in den Wintermonaten, aufgrund des Drucks der nationalen und internationalen Verbände auf die FIFA. Dieses Szenario ist von den Kataris nicht favorisiert, weil eine WM im Sommer für das Land auch eine Möglichkeit darstellt, eine führende Klima-Technologiekompetenz in und für die ganze Region aufzubauen. Olympia und die Fußball-WM sind in diesem Zusammenhang die beiden Leuchtprojekte, um im Rahmen des Entwicklungsplanes Qatar Vision 2030 das ganze Land nachhaltig von einer rein auf den Gasexport basierenden Wirtschaft zu einer Wissens- und Technologienation zu entwickeln. Katar wird daher in den kommenden zwanzig Jahren der interessanteste Ort der Welt sein, nicht nur im Bau von Sportstätten, sondern auch hinsichtlich einer integrierten gesellschaftlichen, technologischen und infrastrukturellen Entwicklung.

Stadionwelt: Welche Unternehmen waren auf dem ASPIRE4SPORTS-Kongress vertreten und welche Aufträge werden in den kommenden Jahren vergeben?

Engel: Interessant war die Veranstaltung natürlich für Planer, Architekten und Bauunternehmen, die sich mit Stadien und weiteren Sportstätten oder einzelnen Gewerken in diesem Bereich befassen. Neben zahlreichen internationalen Ausstellern traf man aber auch viele einheimische Unternehmen an, beziehungsweise diejenigen internationalen Firmen, die sich bereits als katarische Unternehmen vor Ort platziert haben. Für ausländische Unternehmen gilt nach wie vor eine ganz zentrale Aussage: Man muss sich nicht nur im Markt und mit den dort herrschenden rechtlichen und gesellschaftlichen Normen auskennen, sondern auch nachhaltig mit einer eigenen Niederlassung, oder einem Joint-Venture mit einem einheimischen Unternehmen in Katar vertreten sein, um sich überhaupt um eines der zahlreichen anstehenden Projekte bewerben zu können. Ein starkes gesellschaftsrelevantes Engagement, sowie die aktive Teilhabe am nationalen Aus- und Fortbildungskonzept, sind neben der Teilhabe an kleineren Projekten Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Bewerbung um die kommenden Groß-Projekte. Auch das konzeptionell und finanziell beste Angebot wird nicht einmal berücksichtigt, wenn diese Voraussetzungen nicht gegeben sind. An diesen Auswahlkriterien wird sich auch in den nächsten Jahren nichts ändern. Für alle interessierten internationalen gilt es also, die noch andauernde Vergabepause pro-aktiv in Katar zu nutzen, um sich für die kommenden Projekte in Position zu bringen. Ohne diese Grundlage werden Bids, also Bewerbungen um die kommenden Tender oder Ausschreibungen aussichtslos sein. Neben den vielen Projekten in der Sportinfrastruktur, die derzeit für die WM ein Volumen von circa acht Milliarden US-Dollar umfassen, steht im Rahmen von Qatar Vision 2030 ein Auftragsvolumen von circa 300 Milliarden US-Dollar in vielen anderen Bereichen aus. So soll Katar über eine Brücke im Arabischen Golf mit Bahrain verbunden werden und der Flughafen wird von einer Kapazität von fünf Millionen Passagieren auf 50 Millionen ausgebaut. Das schnell wachsende Doha erhält zudem neue Umgehungsstraßen und erstmals ein U-Bahn-Netz mit geplanten 400 Kilometern und 100 Stationen. Von Bahrain, über den Persischen Golf und durch Katar hindurch soll eine Bahnstrecke errichtet werden, die die Verbindung zu Saudi Arabien und schließlich den Vereinigten Arabischen Emiraten ermöglicht. Dazu kommen noch die diversen Urbanisierungsprojekte mit tausenden Einzelaufträgen. Alles Planungsaufgaben für den Main Project Manager, dessen Beauftragung auf sich warten lässt.

Stadionwelt: Seit dem Zuschlag für die WM gibt es in den westlichen Medien ja immer wieder Kritik an der Entscheidung selbst, aber auch an Katar als Gastgeber – Bestechungsvorwürfe, mangelnde Fußball-Tradition, zu ungünstige klimatische Bedingungen und zuletzt die Arbeitsbedingungen der ausländischen Arbeiter werden ins Feld geführt.

Engel: Hier gibt es sicherlich ein klares Kommunikationsdefizit. Weder die FIFA, noch Katar sind bis heute dieser Kritik offen und pro-aktiv entgegen getreten. Ebenso wie diese WM ganz besondere Herausforderungen mit sich bringt, eröffnet sie zugleich auch einen völlig neuen Kommunikations- und Partizipationshorizont zwischen der arabisch-islamischen und der westlichen Welt. Anstatt diese Möglichkeiten zu erforschen, wird die erste Fußball-WM in der arabischen Welt bereits heute massiv verunglimpft. Viele Gruppierungen und Personen nutzen dieses Thema, um sich in ihren nationalen Medien populistisch Gehör zu verschaffen. Gerade die deutschen Medien tun sich hier hervor, was sich durchaus negativ auf die Vergabe von Aufträgen an deutsche Unternehmen auswirken kann. Es ist daher unerlässlich, dass die FIFA und Katar eine gemeinsame Kommunikations-Strategie definieren, um neben den Herausforderungen, die genannten Möglichkeiten für den interkulturellen Dialog zu unterstreichen. Im Interesse einer balancierten Darstellung hätte dies eigentlich schon unmittelbar mit der Vergabe geschehen müssen.

Stadionwelt: Der Arabische Frühling hat dazu geführt, dass der African Cup of Nations, der 2013 in Libyen stattfinden sollte, nach Südafrika vergeben wurde. Nach den Demonstrationen in Bahrain und dem Eingreifen saudischer Truppen im Frühjahr wurde der dortige Formel 1-Grand-Prix für dieses Jahr abgesagt. Kann so etwas auch in Katar passieren?

Engel: Davon ist nicht auszugehen, bislang hat es dort weder Proteste oder gar Unruhen gegeben. Dies liegt zum einen daran, dass sowohl die Herrscherfamilie als auch über 90 Prozent der einheimischen Bevölkerung Sunniten sind; anders als in Bahrain, wo eine schiitische Mehrheit von einer sunnitischen Minderheit regiert wird. Zudem ist Katar das arabische Land, das sich ganz besonders um eine ausgefeilte Verteilung des nationalen Wohlstandes unter der einheimischen Bevölkerung bemüht. Im Spätsommer 2011 hat die Regierung so die Löhne der einheimischen Beamten und Angestellten im öffentlichen Sektor über Nacht um 60 bis 120 Prozent erhöht.

Stadionwelt: Das Emirat Dubai hat im Mai aus finanziellen Gründen die Schwimm-WM 2013 zurückgegeben, die vom Weltverband FINA mittlerweile an Barcelona neu vergeben wurde. Ist ein solches Szenario auch in Katar möglich?

Engel: Finanziell steht dies sicherlich nicht zu befürchten. Katar hat im Sommer 2011 bekannt gegeben, das sämtliche Projekte von Qatar Vision 2030, zu der jetzt auch die WM 2022 gehört, nicht durch Anleihen, sondern aus bestehenden Mitteln finanziert werden. Ein völlig anderes Thema ist hier jedoch die geo-strategische Entwicklung der Region. Auch auf Druck Katars’ drängt nun auch die Arabische Liga auf die Ablösung Assads in Syrien, um dadurch die immer bedrohlicher werdenden iranische Achse der kommenden Atommacht zu schwächen. Als einziger arabischer Verbündeter des Iran ist Assad das auch territoriale Bindeglied zu den iranischen Einflüssen im Libanon, vertreten durch die Hisbollah, und in der Westbank, vertreten durch die Hamas. Sollte es zu einem, wie auch immer gearteten militärischen Konflikt in der Region kommen, der aufgrund der umfassenden US-Präsenz auch diese einbeziehen wird, kann dies die faktischen Möglichkeiten für die Ausrichtung globale Sportereignisse deutlich beeinträchtigen. Allerdings hätte dieser Konfliktfall, der sich unmittelbar auch auf die Weltwirtschaft auswirken würde, auch so erhebliche Konsequenzen für Europa und Asien, hinter denen die Bedeutung einer Fußball-WM deutlich zurück treten würde. (Stadionwelt, 07.12.2011)

Weitere Informationen über Sport Business Consulting (SBC) International:

Firmenpräsentation

Firmenhomepage





        





Weitere News zum Thema „WM 2022“:
19.05.2014: Blatter bezeichnet WM in Katar als Fehler
22.04.2014: Ausschreibung ohne Erfolg
02.04.2014: Zwei Ersatzkandidaten für 2022?
19.03.2014: FIFA entscheidet 2015 über WM in Katar
16.02.2014: Verliert Katar die WM 2022?

Alle 37 News anzeigen



Kommentar schreiben

Name:


Kommentar:


Kommentar-Regeln