29.07.2008 - Oberhausen


„Der größte Gewinner ist der Konsument“


Johannes Partow und Michael Brill
Johannes Partow und
Michael Brill
Im Jahr 1996 wurde mit der König-Pilsener-ARENA die erste privatwirtschaftlich betriebene Multifunktionshalle Deutschlands eröffnet. Jahre später hat sich das Modell der SMG Entertainment GmbH längst durchgesetzt. Stadionwelt sprach mit den Verantwortlichen.

Michael Brill, Regional Vice President SMG Entertainment Deutschland GmbH und Geschäftsführer König-Pilsener-ARENA, und Johannes Partow, Geschäftsleiter der König-Pilsener-ARENA, beschreiben im Stadionwelt-Interview die Entwicklung von altbackenen Sporthallen der 90er, hin zu modernen Hightech-Arenen, wie sie mittlerweile in zahlreichen deutschen Großstädten zu finden sind. SMG, für Bau und Betrieb der König-Pilsener-ARENA verantwortlich, sieht sich dabei in einer Vorreiterrolle.

SMG mit Sitz in Philadelphia, USA, ist der weltweit größte und meist erfahrene Full-Service-Dienstleister im privatwirtschaftlichen Betrieb öffentlicher Veranstaltungsstätten. Dazu zählen vor allem Arenen, Stadien, Theater-, Messe- und Kongresszentren. Seit 1995 ist das Unternehmen auf dem deutschen Markt tätig. Neben Beratungs- und Entwicklungstätigkeiten betreibt SMG die König-Pilsener-ARENA in Oberhausen, eine der wirtschaftlich erfolgreichsten Multifunktionsarenen Deutschlands.

Stadionwelt: Die König-Pilsener-Arena war die erste privatwirtschaftlich betriebene Arena in Deutschland. Welche Vorzeichen herrschten seinerzeit?

Brill: Bis ins Jahr 1996 waren die vom Leistungssport genutzten Hallen meist bessere Schulsport- oder umfunktionierte Radsporthallen. Von einer multifunktionalen Ausrichtung wie heute war man weit entfernt. Mit Sicherheit hatte unser Konzept, das eine privatwirtschaftliche Finanzierung und einen privatwirtschaftlichen Betrieb voraussetzte, architektonisch neue Maßstäbe setzte und erstmals den Namen Arena verwendete, Vorreitereffekt. Die Standards haben sich seitdem völlig verändert, die großen Arenaprojekte in Deutschland werden mittlerweile allesamt privatwirtschaftlich abgewickelt.

Stadionwelt: Wie waren damals die Reaktionen auf das unbekannte Neue?

Brill: Ich denke, es ist Mentalität des Deutschen, alles Neue mit Vorsicht zu genießen. Unverständnis und Skepsis begegneten wir offen. Wir mussten uns beweisen, das ist uns gelungen.

Stadionwelt: Wie genau kann man sich ihre „Überzeugungsarbeit“ vorstellen?

Brill: In den ersten zwölf bis 18 Monaten mussten wir alle Marktteilnehmer von unserem Konzept überzeugen. Es ging primär darum, Vorteile aufzuzeigen. Neue Aspekte wie die Namensvermarktung oder Business-Seats mussten sich etablieren und akzeptiert werden. Letztlich ist es uns auch gelungen, Veranstaltungskonzepte zu entwickeln, die dauerhaft für hohe Auslastung gesorgt haben. Der größte Gewinner ist der Konsument: Komfort und Service, wie kostenloses Parken, waren in dieser Form Anfang der 90er Jahre noch unvorstellbar. Die verstärkte Kundenorientierung und der Veranstaltungsmix führten dazu, dass wir schlussendlich überzeugt haben.

Stadionwelt: Sie sprachen die Veranstaltungen an. Welche waren das?

Brill: Gemeinsam mit RTL 2 haben wir damals die Musikveranstaltung The Dome entworfen, die bis heute ein echtes Erfolgsmodell ist. Wir haben beispielsweise die irische Stepp-Show Riverdance – trotz großer Skepsis - erstmals nach Deutschland geholt. Generell hat unser Engagement das Arenakonzept nachhaltig verändert.

Stadionwelt: Was nicht geklappt hat, war die Etablierung eines Home-Teams aus dem Sportbereich.

Brill: Wir haben die Sportnutzung anfangs als wichtiges Element des Betriebskonzeptes betrachtet. Aus diesem Grund haben wir versucht, ab dem Jahr 1997 die Revierlöwen Oberhausen, als Nachfolger der Ratinger Löwen, zu etablieren. Die Vorzeichen erwiesen sich als schwierig: der Verein hatte zu wenig Sponsoren, zu wenig Zuschauer. Unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit hatte es keinen Sinn. Es war für uns ein Zuschussgeschäft. Ein Werbeeffekt für die Arena war auch nicht auszumachen. Deshalb haben wir den Betrieb mit Ende der Spielzeit 2001/02 eingestellt.

Stadionwelt: Warum fehlte einem Team wie den Revierlöwen die Akzeptanz?

Brill: Wir haben es unter dem Motto ‚Da läuft tolles Eishockey, da muss ich hin’ versucht. Wir mussten aber akzeptieren, dass Eishockey lediglich Bedienelement des örtlichen Sportmarktes war – mit 15.000 potenziellen Kunden. Eishockey hat – anders als Fußball – kein mobiles Publikum. Außerdem muss man einfach einsehen, dass in Deutschland in Sachen Zuschauerinteresse nach Fußball lange nichts kommt. Da wird es naturgemäß schwer, wirtschaftlich zu arbeiten. In den USA ist das beispielsweise komplett anders, wo in manchen Städten vier oder fünf Sportarten auf hohem Niveau parallel existieren. Hinzu kommt, dass das „Verpflanzen“ von Vereinen in Deutschland keinerlei Kultur hat und somit keine Identitätsbildung stattfindet.

Stadionwelt: Auch andere Sportarten ließen sich nicht umsetzen?

Brill: Wir hatten uns eine Weile mit Basketball beschäftigt, aber auch das ist schwierig. Erfolg stellt sich, wenn überhaupt, nur sehr graduell ein. Wenn es nichts bringt, sollte man es sein lassen. In letzter Konsequenz entscheidet der Markt.

Stadionwelt: Herr Partow, abgesehen von der Sportnutzung können Sie mit der Arenaauslastung aber zufrieden sein.

Partow: Ja, es läuft ähnlich gut wie vor zehn Jahren. Eher konstatieren wir sogar eine Steigerung. In Nordrhein-Westfalen haben wir uns als dominanter Standort für Konzerte und Familienveranstaltungen behauptet.

Stadionwelt: Inwieweit helfen Ihnen dabei die Veränderungen auf dem internationalen Musikmarkt?

Partow: Der Markt hat sich in den letzten fünf bis zehn Jahren grundlegend geändert. Die Live-Entertainment-Branche hat die Tonträgerbranche überholt. Noch bis in die 80er Jahre hinein war das Tonträgergeschäft für die Künstler entscheidend, Tourneen wurden oft nur zu Promotionzwecken durchgeführt, finanzielle Verluste mit einkalkuliert. Heute spielt das Live-Geschäft eine bedeutende Rolle, das dokumentieren höhere Präsenz und höhere Ticketpreise. Es wird versucht, aus den Konzerten soviel Profit wie möglich zu machen, um die Verluste beim Plattenverkauf wieder aufzufangen.

Stadionwelt: Im gesamten Rhein-Ruhrgebiet sind in den vergangenen Jahren moderne Arenen quasi wie Pilze aus dem Boden geschossen. Wie stellt sich die Situation für Sie dar?

Partow: Der Markt ist ohne Zweifel wesentlich wettbewerbsintensiver geworden. Vor 20 Jahren waren die Dortmunder Westfalenhallen in der Region mehr oder weniger Monopolist, heute erreicht man von Oberhausen aus acht Hallen in einer Stunde.

Einzelne Hallen haben sich in dieser Zeit spezialisiert. Die Essener Grugahalle setzt auf Messe- und Kongressveranstaltungen, Düsseldorf mit dem ISS-Dome oder Krefeld mit dem KönigPALAST auf Sport, die Kölnarena genauso wie wir auf Konzerte und Entertainment.

Generell - das haben wir bereits angesprochen - ist die Nachfrage an hochwertigen Musik- und Showevents gestiegen. Wir haben einen sich verändernden, nicht fest gefahrenen Markt.

Wir betrachten uns dabei als hervorragenden Standort mit einer einzigartigen Anzahl von Parkplätzen, zwölf nahe gelegenen Autobahnanschlüssen und einer Top-Atmosphäre in der Halle. Sicherlich wäre es ohne Konkurrenz bequemer, aber die Dichte an hochwertigen Arenen fördert die Innovation. Im Endeffekt – da kann ich Herrn Brill nur beipflichten - profitiert davon am meisten der Kunde.

Stadionwelt: In unmittelbarer Nähe der König-Pilsener-Arena befinden sich das Einkaufszentrum CentrO und der gleichnamige Park. Welche Synergien ergeben sich daraus?

Partow: Der Besucher hat einen größeren Erlebnisfaktor als in manch Halle oder Stadion, die mitten in einem Gewerbegebiet oder auf der grünen Wiese steht. Es gibt eine gastronomische Infrastruktur, die vor und nach Veranstaltungen bei uns besucht werden können. Dementsprechend werben wir auch gemeinsam.

Stadionwelt: Stehen in nächster Zeit bauliche Veränderungen an? Auch hinsichtlich der Tatsache, dass es im Umkreis eine Vielzahl hochmoderner Neubauten gibt.

Partow: Wir modernisieren kontinuierlich, sind stets darum bemüht, Besuchern und Künstlern die bestmöglichen Voraussetzungen anzubieten. An und für sich lässt sich aber außer ein paar Kleinigkeiten nicht viel verändern. Wir haben im Jahr 1996 eine topmoderne Arena gebaut, die 25 Jahre wettbewerbsfähig ist.

Stadionwelt: In welche Richtung entwickelt sich SMG generell?

Brill: Immer wichtiger wird der Betrieb von Science Centern oder Museen, da in vielen Städten ein Paradigmenwechsel stattgefunden hat. Die veränderte Finanzsituation, knapper gewordene Haushalte, sorgt dafür, dass verschiedene Einrichtungen wie auch Theater nicht mehr städtisch betrieben werden.

In Sachen Sportstätten geht der Trend ganz klar nach Osteuropa, wo zum Beispiel in Polen und Russland zahlreiche neue Stadien und Arenen entstehen. An mehreren Standorten stehen wir kurz vor dem Abschluss eines Betreibervertrags. Wir werden unseren Expansionskurs weiter fortsetzen. (Stadionwelt/Pascal Reichardt, 29.07.08)





        





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