09.08.2012 - WM 2014


„Bei einem Neubau herrscht massiver Abstimmungsbedarf“


Um Sao Paulo als einen der Spielorte der WM 2014 in Brasilien hat es lange Diskussionen gegeben. Mittlerweile ist dort aber das Novo Estádio do Corinthians im Bau. Mit Stephen Hagenmayer von der Werner Sobek Stuttgart GmbH hat sich Stadionwelt über das Projekt unterhalten.

Stadionwelt: Inwiefern sich hat das anfängliche Hin und Her um Sao Paulo als Spielort der Fußball-WM 2014 auf die Entwurfsplanung des Novo Estádio do Corinthians ausgewirkt?

Hagenmayer: Als wir im Februar 2011 mit der Planung begonnen haben, wussten wir zunächst nicht, ob das Stadion auch tatsächlich gebaut wird. Die Finanzierung stand zu diesem Zeitpunkt noch nicht, daher hätten auch alle Bemühungen und die viele Arbeit am Ende umsonst sein können. Als wir von unserem Auftraggeber gefragt wurden, ob wir diesen ungewissen Weg dennoch mitgehen, haben wir nach sorgfältiger Überlegung zugestimmt und zwei Monate am Concept Design gearbeitet. Diese Leistung wurde von unseren brasilianischen Partnern sehr positiv bewertet, und wir konnten hierdurch auch ein sehr vertrauensvolles Verhältnis zur zuständigen Baufirma CNO Construtora Norberto Odebrecht aufbauen.

Als dann im Juli 2011 von der FIFA beschlossen wurde, dass das Eröffnungsspiel im Novo Estádio do Corinthians in Sao Paulo stattfinden soll, musste es mit einem Mal ganz schnell gehen, das Stadion war damals aber zum Glück schon fertig entworfen. Es ist für ein Fassungsvermögen von 45.000 bis 48.000 Zuschauer ausgelegt, die auf festen Rängen im Osten und Westen und in den unteren Rängen im Norden und Süden Platz finden sollen. Damit entsteht quasi eine Art offenes Viereck, da die Süd- und die Nordseite keine Oberränge besitzen und damit offen bleiben. Nur für die Dauer der WM werden dort mobile Tribünen aufgebaut, die bis unter das Dach reichen. Im Osten und Westen werden zusätzlich zwischen dem obersten Rang und der Dachkonstruktion ebenfalls noch zusätzliche temporäre Tribünen ergänzt, so dass während der FIFA WM 68.000 bis 70.000 Menschen in dem Neubau Platz finden. Der allergrößte Teil der zusätzlichen Zuschauer wird dabei natürlich auf der Nord- und Südseite zu finden sein. Nach der Weltmeisterschaft werden die mobilen Tribünen wieder abgebaut; der Spielbetrieb vom SC Corinthians findet dann in der ursprünglichen, halb offenen Form des Stadions statt.

Auf der Baustelle herrscht nach wie vor Hochbetrieb – angesichts des sehr engen Zeitplans kein Wunder. Aber in den kommenden Tagen wird bereits mit der Montage der Dachkonstruktion begonnen, so dass das Stadion mit genügend Vorlauf zur Weltmeisterschaft fertig gestellt und getestet werden kann.

Stadionwelt: Welche Tätigkeiten führten und führen Sie im Rahmen dieses Projekts aus?

Hagenmayer: Unsere Aufgaben umfassen konkret die Entwurfs- und Genehmigungsplanung für den Massivbau des Stadions. Für die Dachkonstruktion erbringt Werner Sobek die Entwurfs-, Genehmigungs-, Ausführungs- und die Montageplanung. Dabei müssen wir natürlich mit weiteren beteiligten Unternehmen zusammenarbeiten. Um den aktuellen Baufortschritt zu berücksichtigen und die folgenden Schritte richtig zu koordinieren, treffen wir uns circa alle drei bis vier Wochen abwechselnd in Sao Paulo und Stuttgart mit unseren brasilianischen Partnern. Dabei muss gesagt werden, dass die Zusammenarbeit mit den brasilianischen Kollegen sehr angenehm und absolut professionell verläuft.

Stadionwelt: Mussten Besonderheiten, speziell geologischer und eventuell auch topographischer Natur beim gewählten Standort in Itaquera berücksichtigt werden?

Hagenmayer: Die vorhandene Topographie des Baugeländes wies zum Teil enorme Höhenunterschiede auf. Um diese auszugleichen, wurden sehr große Erdbewegungen erforderlich - die „Modellierung“ des Geländes ist bis heute noch nicht komplett abgeschlossen. Auch nach den Erdarbeiten wird es noch Höhenunterschiede von mehr als 100 Metern auf dem Gelände geben. Es war ja nicht alleine damit getan, die Baugrube auszuheben und Unebenheiten auszugleichen. Um das Stadion in die hügelige Landschaft einzubetten, musste das Gelände terrassiert und eine große Anzahl von Stützmauern angelegt werden. Die Gründung insgesamt war aufgrund des schlechten Baugrundes ein besonderes Thema. Zum Abtrag der großen Horizontal- und Vertikallasten mussten Tausende von Rammpfählen in das weiche Erdreich eingebracht wurden.

Eine weitere Besonderheit dieses Projekts ist die Dachkonstruktion, die als Entwurf ausnahmsweise nicht ein geschlossenes Ringsystem, sondern im Grundriss eher eine Rechteckform aufweist. Die freien Spannweiten von Ost nach West betragen hier spektakuläre 170 Meter. Der umlaufende Dachrand weist dabei gleichbleibend nur drei Meter Bauhöhe auf.

Stadionwelt: Das Stadion soll nach der WM ja zurückgebaut werden. Welche Rolle spielte dieser Aspekt beim Entwurf beziehungsweise wie kann das möglichst einfach durchgeführt werden?

Hagenmayer: Die temporären Tribünen sind Stahlkonstruktionen in Systembauweise, die einfach und schnell aufzubauen sind und die gleichzeitig die notwendige Standsicherheit gewährleisten. Nach der Weltmeisterschaft werden die temporären Tribünen wieder abgebaut und können für andere Projekte verwendet werden.

Stadionwelt: Mit wie vielen Ansprechpartnern – dem Verein Corinthians als zukünftigem Besitzer, der FIFA, der Stadt Sao Paulo zum Beispiel – mussten Sie sich abstimmen? Gab es Vorgaben, die mit berücksichtigt werden mussten?

Hagenmayer: Die Abstimmungen mit der FIFA und den diversen Behörden liegt bei den Architekten. Diese wiederum informieren uns über etwaige Anpassungen und Planänderungen als Folge aus den Gesprächen mit den Behörden. In unseren Händen liegt vor allem die Abstimmung mit den anderen Fachplanern und den ausführenden Firmen. Insbesondere mit CNO und dem Stahlbauer, der die Dachkonstruktion errichtet, sind umfangreichste Diskussionen und Klärungen notwendig, um die erforderlichen Qualitäten, die richtigen Maße und Toleranzen einzuhalten zu können. (Stadionwelt, 09.08.2012)





        





Weitere News zum Thema „WM 2014“:
08.07.2014: Entwicklungsminister für WM in mehreren Ländern
28.06.2014: „Konflikte geben Anlass zu großer Sorge“
26.06.2014: WM 2014: 3. Spieltag (Gruppe G und H)
25.06.2014: WM 2014: 3. Spieltag (Gruppe E und F)
24.06.2014: WM 2014: 3. Spieltag (Gruppe C und D)

Alle 142 News anzeigen



Kommentar schreiben

Name:


Kommentar:


Kommentar-Regeln