Die Probleme des FC St. Pauli beim Neubau des Millerntorstadions sind hinlänglich bekannt, lange Zeit stand die Wiederaufnahme der Bauarbeiten an der Südtribüne in Frage. Weniger bekannt sind derweil die Diskussionen um das künftige Gesicht des Stadions.
Der Verein beauftragte die Gestaltungswerkstatt Kunst Werk Sankt Pauli eine Stadionfassade zu entwerfen die Identifikation schafft, die das Millerntorstadion mit einem Wiedererkennungswert ausstattet. Die Hamburger Oberbaudirektion konnte sich mit deren Plänen jedoch nicht anfreunden und schraubte die Wünsche des FC St. Pauli dementsprechend zurück.
Der FC St. Pauli strebt nach dem Erhalt seiner Identität.
Bild: Stadionwelt
Die Entwürfe von Kunst Werk Sankt Pauli stießen in der Öffentlichkeit jedoch auf großen Zuspruch, so dass noch immer Hoffnung besteht, die ursprüngliche Konzeption doch noch umsetzen zu können. Der vorzeitige Zweitligaaufstieg des FC St. Pauli kann in dieser Hinsicht als zusätzlicher Motor betrachtet werden. Stadionwelt sprach mit Marco Antonio Reyes über Philosophie und Anspruch der Gestaltungswerkstatt.
Stadionwelt: Wieso braucht der FC St. Pauli für den Stadionumbau Experten für Gestaltungsfragen?
Reyes: Wenn man durch Deutschland fährt, sieht man moderne Multifunktionsarenen die absolut austauschbar sind. Zweckbauten, wo man auch einen Möbelmarkt unterbringen könnte. Ich bin schockiert über die Einfallslosigkeit die beim Stadionbau in ganz Europa vorherrscht.
In St. Pauli sprechen wir von einem Gebäude, das den Stadtteil sieben Tage die Woche prägt. Es ist Arbeits- und Anlaufstelle für die Menschen in der Umgebung über die Spieltage hinaus.
Stadionwelt: Worin besteht dann die spezielle Herausforderung?
Reyes: Wir bauen ein Haus für Menschen, ein Haus, das vielfältig genutzt wird, das so schön wie möglich sein soll. Wir begnügen uns nicht damit, ein modernes Gebäude zu errichten. Unsere Aufgabe ist es, das Stadion zu verkleiden.
Stadionwelt: Wie kann eine solche Verkleidung aussehen?
Reyes: Der Stadtteil St. Pauli war seit jeher ein Arbeiterstadtteil. Hätte man das Stadion zur Zeit der Vereinsgründung im Jahre 1910 gebaut, hätte sich die Architektur an der damals vorherrschenden, neugotischen Backsteinarchitektur orientiert. Daran wollen wir nun anknüpfen. So etwas heute zu machen ist bekloppt – aber es passt zum Verein.
Das Millerntorstadion mit Backsteinfassade – nach den Plänen von Kunst Werk Sankt Pauli.
Bild: Kunst Werk Sankt Pauli
Stadionwelt: Zweifelsohne ein ungewöhnliches Vorhaben.
Reyes: Dass sich ein Verein beim Stadionbau ein Gestalterteam ins Boot holt ist fürwahr ungewöhnlich. Der FC St. Pauli muss zusehen, überhaupt ein Stadion errichten zu können. Aber wir sind St. Pauli! Wir wollen kein Stadion wie in Duisburg, Magdeburg oder Rostock! Wir wollen, dass man Leuten in Saarbrücken die Augen verbindet, sie ins Flugzeug setzt, ins Millerntorstadion bringt und sie sofort realisieren wo sie sind, dass sie sagen: ‚Das ist St. Pauli.’. Auch wenn wir uns damit nicht vergleichen können: Das Münchner Olympiastadion war aufgrund seiner Architektur unverkennbar. Dahin möchten auch wir.
Stadionwelt: Das Münchner Olympiastadion war vor allem für seine Dachkonstruktion berühmt. Welche Bestandteile könnten das Millerntorstadion einzigartig machen?
Reyes: Alles. Von der Außenfassade bis zum Innenraum. Jeder plant doch sein Eigenheim so schön, so individuell wie möglich. Das sollte auch bei einem zentralen Gebäude in einem Stadtteil so sein. Wir sprechen von der Kunst am Bau. Die Verbindung von Kunst und Architektur ist jedoch mehr als nur die Summe. Wichtiger Teil unseres Konzeptes ist die Einbindung von Graffiti, gerade weil dies eben zum Stadtteil passt. Künstler weltweiter Prominenz werden sich am Stadion verewigen. Der Jahrmarkt Hamburger Dom liegt ja direkt neben an, in dieses Bild soll sich das Stadion integrieren – als überdimensionale Dombude wenn man so will. Dazu kommt die erwähnte Backsteinoptik. Aber auch bei den Logen – die bei uns ja den Namen Separees tragen – gibt es viele Möglichkeiten. Wenn man sich manch Loge in einem deutschen Stadion betrachtet, muss man sagen, dass jedes Möbelhaus seine Schauküche besser einrichtet.
Einzigartig in seiner Architektur: Das Münchner Olympiastadion.
Bild: Olympiapark München GmbH
Stadionwelt: Sie haben die finanziellen Schwierigkeiten des FC St. Pauli angedeutet, wie ist ein solches Bauwerk ohne zu hohen Kostenaufwand darstellbar?
Reyes: Wir arbeiten mit dem so genannten Rabitzverfahren. Dabei wird ein Gestell mit Spritzbeton bearbeitet, dieser kann dann beliebig modelliert und durchgefärbt werden. Der Modellier kann aus dem Beton beispielsweise Backsteinförmige Teile ziehen, die dann dem typisch norddeutschen Baustil entsprechen. Mit dieser Technik wurde bereits die Dresdner Frauenkirche renoviert – ein probates aber kostengünstigeres Mittel zur Modellierung, das bereits seit 1867 angewandt wird.
Stadionwelt: In Hamburg wird Ihre Arbeit nun recht unterschiedlich bewertet. In der Politik wird die Notwendigkeit eines gestalterischen Konzepts nur teilweise geteilt.
Reyes: Einerseits erhalten wir für unsere Arbeit hohen Zuspruch, andererseits sind wir es auch gewohnt, von gewisser Seite niedergemacht zu werden. Es gibt hier ein Stück weit die Pole Papiertiger auf der einen, und abgedreht auf der anderen Seite. Doch wir bekommen für ein sehr positives Feedback in Hamburg, so dass es mich wundern würde, wenn nicht auch einige Entscheidungsträger davon Wind bekommen würden und es sich schließlich doch noch alles zum Guten wenden würde. Der Zweitligaaufstieg spielt uns natürlich auch in die Karten.
Einfallslos? Die MSV-Arena in Duisburg.
Bild:: Stadionwelt
Stadionwelt: Sie erwähnten eingangs die Einfallslosigkeit bei deutschen und europäischen Stadien. Welches sind Stadien, die Ihnen gefallen?
Reyes: Wenn mir ein Stadion gefällt sind es meist Aspekte. Beim Ibrox-Park in Glasgow gefällt mir beispielsweise die Verbindung von alt und neu. Ähnlich beim Stadion Luigi Ferraris in Genua. Faszinierend auch die Allianz-Arena als eine Art Solitär, das wie eine Pilgerstätte am nördlichen Stadtrand Münchens emporragt.
Das Stadion Wals-Siezenheim in Salzburg besticht durch die Farbgebung durch Red Bull im Innenraum, interessant finde ich auch den anachronistischen Logencharakter im rumänischen Nationalstadion Lia Manoliu in Bukarest oder die koloniale Fassade des Sao Januário von Vasco da Gama in Rio de Janeiro.
Stadionwelt: Was sind Elemente, die sie sich in Sachen Stadionarchitektur für die Zukunft vorstellen können?
Reyes: Die Stimmung in einem Fußballstadion ist einzigartig, unvergleichlich. Oft schlägt diese jedoch in Aggressivität um, deshalb muss man Kontrapunkte schaffen. Generell sind runde Formen humaner als eckige. Mich wundert, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, das Medium Wasser einzubauen, in Form eines Teiches zum Beispiel – das hat beruhigende Wirkung, sorgt für Entspannung. (Stadionwelt, Pascal Reichardt/30.05.07)
Einzigartig: Die Ehrentribüne im Stadion Lia Manoliu in Bukarest.
Bild: Stadionwelt/H96-Linke