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Stadionwelt » Stadionwelt-Fans » Interviews » Werder Bremen
09.07.2010 - Werder Bremen
 

Das Leben ist nicht nur Fußball


In Bremen gibt es eine Vielzahl von aktiven Fangruppen in der Ostkurve. Stadionwelt sprach mit Racaille Verte über die aktuelle Situation in der Bremer Fanszene und wie sich der Stadionumbau auf den Fanalltag im Weserstadion ausprägt.

Stadionwelt:Die vergangene Saison war für alle Bremer-Anhänger eine durchaus erfolgreiche. Zwischenzeitlich schien sogar die Meisterschaft noch möglich. Wie ist Euer Resümee der letzten Spielzeit?
Racaille Verte: Wir haben in den letzten Jahren sportlich durchaus nicht zu klagen. Wieder einmal haben wir in der CL-Qualifikation die Chance, in der Champions League zu spielen und können dadurch womöglich wertvolle Spieler halten. Und obwohl wir sowieso „jedes Jahr zum Pokalfinale fahren“, ist die Finalteilnahme natürlich ein absolutes Highlight. Leider konnten wir den Cup nicht holen, aber dennoch sind wir dankbar für das, was unsere Mannschaft das letzte Jahr geleistet hat.

Die Ultras Nürnberg waren mit ihrem Umzug in den Oberrang der Westkurve beim Heimanhang kaum wahr zu nehmen<br />Bild: Faszination Nordkurve
Die Ultras Nürnberg waren mit ihrem Umzug in den Oberrang der Westkurve beim Heimanhang kaum wahr zu nehmen
Bild: Faszination Nordkurve

Stadionwelt:Das Weserstadion wird aktuell umgebaut und Ihr durftet die verschiedenen Konstellationen von Auswärtsblöcken im eigenen Stadion miterleben. Wie groß ist der Unterschied Eurer Meinung vom neuen zum alten Gästeblock?
Racaille Verte: Da es erst wenige Spiele mit neuem Gästeblock gab, ist ein abschließendes Urteil noch nicht zu fällen. Auffällig war, dass auch nicht so stark eingeschätzte Vereine wie Augsburg einen sichtbaren Auftritt ablieferten. Die größeren Vereine (zum Beispiel Köln) gaben auch ein ganz nettes Bild ab. Dennoch kam akustisch nicht allzu viel in der Heimkurve an. Dies mag auch daran liegen, dass dort zurzeit das Dach fehlt und die Akustik des Weserstadions dadurch vorübergehend (noch) schlechter geworden ist.
Eigentlich denken wir, dass der neue Gästebereich ganz schick geworden ist. Allerdings gibt es einen großen Mangel: Vor dem Gästebereich befinden sich ein paar Sitzplatzreihen. Dies erschwert die sichtbare Anbringung von Zaunfahnen enorm. Die Faninitiative Weserstadion hat erfolglos versucht, diese fanunfreundliche Platzverteilung zu verhindern. Wenn das gelungen wäre, hätte Bremen jetzt wohl einen der besten Gästeblöcke der Liga, so bleibt es beim Mittelmaß.

Stadionwelt:Beim Spiel zwischen Werder und dem 1. FC Nürnberg waren die Gästekarten personalisiert, weshalb die Ultras Nürnberg sich in einem anderen Block im Stadion niederließen. Macht sich so eine Änderung auch beim Heimsupport bemerkbar, wenn auf einmal die sonst größte Gruppe im Gästeblock abseits und wie gewohnt mittig im Block steht?
Racaille Verte: Der Gästeblock gab an diesem Tag wirklich ein sehr skurriles Bild ab. Er war bis auf ein kleines Häufchen Club-Fans komplett leer. Diese versuchten zwei oder drei Mal auf sich aufmerksam zu machen. Insgesamt war es sehr, sehr traurig zu sehen, was passiert, wenn die Ultras aus den Blöcken verschwinden (müssen). Ultras Nürnberg sammelte sich mit etwa 60 Leuten auf den Sitzplätzen der Westkurve. Da sie aber (anscheinend) nicht aktiv supporteten, fielen sie uns nicht weiter auf. Lediglich beim Anschlusstreffer konnte ihre Fahne kurz gesichtet werden.
Beim Heimsupport war keine Änderung zu vermerken. Natürlich stachelt starker Gastsupport das Heimpublikum teilweise an, da die Akustik im Weserstadion aber sowieso miserabel ist, kommt es ohnehin des Öfteren vor, dass bei uns nichts von der anderen Seite zu vernehmen ist. Außerdem versuchen wir Ultras unsere Mannschaft immer möglichst lautstark anzufeuern – unabhängig von äußeren Einflüssen.

Die Mitglieder von Racaille Verte verstehen sich als Ultras<br />Bild: Zaunsturm1905.de
Die Mitglieder von Racaille Verte verstehen sich als Ultras
Bild: Zaunsturm1905.de

Stadionwelt:Ab der kommenden Saison trifft der Stadionumbau nun auch die Heimat der treuesten Werderfans, die Ostkurve. Wo ist Eure vorübergehende Heimat und wie steht Ihr dem Umzug gegenüber?
Racaille Verte: Wenn alles nach Plan läuft, wird der Unterrang der Ostkurve schon zum ersten Ligaspiel gegen Köln wieder benutzbar sein, wenn auch mit kleinen Einschränkungen bei der Infrastruktur. Insofern müssen wir uns keine Gedanken über eine Zwischenlösung machen.
Insgesamt freuen wir uns auf die neue Ostkurve, da wir dann dichter am Spielfeld stehen und die Sicht dank anderer Banden und des verlegten Spielertunnels besser sein dürfte. Traurig stimmt uns die Tatsache, dass die Faninitiative Weserstadion die Betreibergesellschaft des Stadions leider nicht davon überzeugen konnte, ein Variosystem einzuführen, bei dem man nicht mehr wie in Legebatterien stehen muss, sondern etwas mehr Bewegungsfreiheit hat.

Stadionwelt:In Bremen gibt es neben Euch noch einige andere aktive Fangruppen. Inwiefern wirkt sich das auf Euer Gruppenleben aus? Habt Ihr auch innerhalb der Bremer Fanszene ab und an Reibungspunkte mit anderen Gruppen und wieso sollten sich junge Werder-Fans ausgerechnet Euch anschließen?
Racaille Verte: Wir haben zwar einige Gruppenaktivitäten, die sich nur auf unsere Gruppe und auf unser Umfeld beschränken, zusätzlich ist es aber so, dass es bei vielen Veranstaltungen und Treffpunkten Überscheidungen mit den anderen Gruppen gibt - mit einigen mehr, mit anderen weniger. Es ist definitiv nicht so, dass jede Gruppe in ihrem eigenen Saft schmort. Selbstverständlich gibt es auch gruppenübergreifende Freundschaften.
Natürlich kann nicht jede Gruppe gleich gut mit der jeder anderen. Wenn alles Harmonie wäre, könnte man auch eine große Gruppe haben. Die Auseinandersetzungen innerhalb der Fanszene beschränken sich aber auf die verbale Ebene, und es ist auch nicht davon auszugehen, dass sich dies in absehbarer Zeit ändern wird.
Wir führen mit allen Gruppen regelmäßig Gespräche, um bestimmte Punkte zu klären und zu allen anderen Gruppen ein zumindest professionelles Verhältnis zu haben. Insgesamt können wir aus unserer Sicht sagen, dass wir mit den verhältnismäßig vielen Gruppen in Bremen sehr gut fahren.
Zu dem zweiten Punkt: Wir sind nicht auf einer Werbetour mit dem Ziel, dass sich möglichst viele Menschen unserer Gruppe anschließen, wir haben nicht das Ziel, eine extrem große Gruppe zu werden. Was uns ausmacht, kann man nicht in kurzen Sätzen beschreiben. Wer allerdings zu uns kommen möchte, muss sich wirklich intensiv mit uns auseinandersetzen, dann wird sich er oder sie langfristig automatisch in unserem Umfeld aufhalten und - wenn es dann irgendwann von beiden Seiten gewollt ist und passt - auch in die Gruppe aufgenommen werden.

Trotz Umbau müssen sich die meisten Werder-Fans vermutlich keine Gedanken um einen Standortwechsel machen<br />Bild: Seit1894.de
Trotz Umbau müssen sich die meisten Werder-Fans vermutlich keine Gedanken um einen Standortwechsel machen
Bild: Seit1894.de

Stadionwelt:In der vergangenen Spielzeit sah man Bremer Fans vermehrt zu Gast bei den Ultras Essen oder bei der Grazer Sturmflut. Trägt Racaille diese Freundschaften ebenso mit oder orientiert Ihr Euch mehr in Richtung Udine?
Racaille Verte: Zu Ultras Essen gibt es von unsrer Seite eigentlich keinerlei Berührungspunkte. Selbstverständlich behandeln wir sie gastfreundlich wenn sie in Bremen sind, da sie FreundInnen der Wanderers sind. Nach Essen pflegen wir lediglich Einzelkontakte zu den Chaos Boys und zur Banda Confusa.
Bei der Grazer Sturmflut verhält es sich ähnlich: Wir freuen uns, wenn GrazerInnen in der Bremer Kurve sind, außer einigen wenigen Kontakte gibt es aber keine wirkliche Verbindung unsererseits nach Graz.
Ganz anders ist unser Verhältnis zu den Ultras Udine. Seit einigen Jahren besteht eine rege Freundschaft nach Udine. Des Öfteren dürfen wir die ItalienerInnen in Bremen begrüßen und auch andersrum sind solche Besuche mittlerweile Alltag.

Stadionwelt:Racaille Verte engagiert sich auch außerhalb des Fußballs immer wieder für karikative Zwecke. Wie wichtig ist es Euch der Stadt Bremen sozusagen etwas zurückzugeben?
Racaille Verte: Wir haben dank unserer Mitgliederzahl und unserer Strukturen die Möglichkeit, Sachen auf die Beine zu stellen, die für jeden einzelnen nicht so einfach zu verwirklichen wären. Weil das Leben nicht nur Fußball ist, wollen wir das auch außerhalb des Stadions ausnutzen und versuchen Menschen zu helfen, die darauf angewiesen sind. Da wir größtenteils in Bremen leben, erschien es naheliegend, dass wir uns dort PartnerInnen suchen. So kam unsere Kooperation mit der örtlichen Drogenhilfe zustande, für die wir in den letzten zwei Wintern Kleidung sammelten. Das lief zuletzt so gut, dass wir uns für dieses Jahr wohl weitere Organisationen suchen müssen, die auf Kleiderspenden angewiesen sind. (Stadionwelt, 09.07.2010)




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