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"Stadion ist als Kommunikationsplattform zu betrachten"


Axel Eichholtz
Axel Eichholtz
Die HBM Stadien- und Sportstättenbau GmbH ist aktuell beispielsweise am Neubau des Rudolf-Harbig-Stadions in Dresden oder an der neuen Fußballarena in Augsburg beteiligt. Zu diesen und weiteren Themen bezieht Geschäftsführer Axel Eichholtz im Stadionwelt-Interview Stellung.

Stadionwelt: Der Stadionbau in Dresden hat lange Zeit hohe Wellen geschlagen. Inzwischen scheint alles geklärt. Wie stellt sich die Situation heute dar?
Eichholtz: Die Lichter sind auf grün geschaltet, wir befinden uns mitten im Planungsprozess. Aus heutiger Sicht gibt es keinerlei Stolpersteine mehr. Ende Oktober soll mit dem Abbruch des bestehenden Stadions begonnen werden. Wir beginnen mit dem Abriss der Hornbach-Tribüne und setzen diesen dann entgegen dem Uhrzeigersinn fort.

Stadionwelt: Wie lange wird der Umbau dauern?
Eichholtz: Unser Ziel ist es, das Stadion innerhalb eines Jahres rund zu schließen. Im Frühjahr 2009 erfolgt dann die komplette Fertigstellung, inklusive der neuen Business-Bereiche. Wir versuchen, die Kapazität während des Umbaus nicht auf unter 10.000 fallen zu lassen. Generell werden die Phasen mit geringer Kapazität eher kurz sein, da wir damit rechnen die neuen Tribünenbereiche ohne Schwierigkeiten errichten zu können. Die Gesamtkapazität wird schlussendlich bei 31.000 bis 32.000 Plätzen liegen, inklusive der etwa 2.000 Plätze im Business-Bereich.

Keine Giraffen in Dresden

Stadionwelt: Irritationen gab es zunächst um die so genannten Giraffen, die Flutlichtmasten.
Eichholtz: Es wurde der Wunsch geäußert, die Flutlichtmasten auch nach dem Neubau zu erhalten. In unseren ersten Modellen haben wir sie dementsprechend auch berücksichtigt. Die Stadt hat jedoch bestimmt, das Stadion zu verrücken, um eine Achse mit dem Großen Garten freizulegen. Theoretisch hätte man die Masten mit verschieben können, das stand jedoch in keinem sinnvollen wirtschaftlichen Verhältnis.

Stadionwelt: Wodurch entstanden die Unstimmigkeiten im Vorfeld des Baus? Das Projekt stand oft vor dem Scheitern.
Eichholtz: Um ein wenig auszuholen: Die Stadt hat eine Ausschreibung gestartet, die Bau und Betrieb des Stadions bündelt. Das bedeutet für uns, dass wir nicht nur für den Bau sondern eben auch für die Vermarktung und den Betrieb verantwortlich sind. Es gibt sowohl an den Verein als auch an das Stadion gebundene Rechte, die vernünftige Konzepte in Abstimmung mit Verein und Stadt erfordern. Das allein macht die Sache kompliziert genug.
Die Stadt hat von sich aus eine Bürgschaft angeboten, die dann vom Regierungspräsidium in seiner Funktion als Kontrollinstanz zunächst nicht genehmigt wurde. Letzten Endes sind auch viele Irritationen in den Prozess gekommen, weil der Name Dynamo Dresden die Leute in den Bann zieht und die Presse sich auf jedes Detail stürzt. Es kam zu einer Effekthascherei an der sich die Leute gerne gerieben haben.

Das neue Rudolf-Harbig-Stadion in Dresden.<br>Bild: Architekten Beyer + Partner
Das neue Rudolf-Harbig-Stadion in Dresden.
Bild: Architekten Beyer + Partner

Stadionwelt: Wie ist der Betrieb geregelt?
Eichholtz: Während der Bauphase erhält der Verein das Stadion kostenfrei, Dynamo muss das „Reststadion“ dabei allerdings selbst betreiben. Nach Fertigstellung zahlt der Verein Miete, die jedoch von vielen Faktoren abhängig ist und sich heute noch nicht endgültig beziffern lässt.

Stadionwelt: Welche Anforderungen gibt es an die Stadionperipherie, bedingt durch den Umbau?
Eichholtz: Der Anschluss an die öffentlichen Verkehrsmittel ist sehr gut, das Stadion per Straßenbahn und den fußläufig erreichbaren Dresdner Hauptbahnhof bestens erschlossen. Die Parkplatzsituation allerdings muss verbessert werden, 700 Plätze werden am Stadion geschaffen. Die Stadt will zudem weitere Parkflächen in der näheren Umgebung einrichten.

„Alle Stadien sind Unikate“

Stadionwelt: Auch in Augsburg steht ein Stadionneubau unter Beteiligung der HBM an. Wie weit sind die Planungen?
Eichholtz: Die Baugenehmigungsplanung wird am 30. Juli eingereicht, der Verein schließt derweil den Vertrag mit der Stadt. Die Planung der Stadiongesellschaft sieht einen Baubeginn zum ersten Oktober oder ersten November vor. Möglicherweise werden die Arbeiten in Augsburg und Dresden mehr oder weniger zeitgleich aufgenommen.

Stadionwelt: Wo liegen die Unterschiede zwischen den beiden Projekten?
Eichholtz: Entscheidender Unterschied für uns ist, dass wir das Stadion in Dresden sowohl bauen als auch betreiben, in Augsburg liegt der Betrieb in den Händen der Investoren um Walther Seinsch. Die beiden Stadien sind relativ ähnlich was die Struktur angeht, beide verfügen über ein abgesenktes Spielfeld, die Tribünenerschließung ist vergleichbar, der Zutritt erfolgt ebenerdig. Allerdings ist in Augsburg eine zweite Ausbaustufe auf etwa 50.000 Plätze eingeplant, was in Dresden aus Platzgründen nicht möglich ist.

Die Augsburger impuls arena, kann auf 49.000 Plätze ausgebaut.<br>Die Augsburger impuls arena, kann auf designbuero 7 - Sianos & Partner GbR
Die Augsburger impuls arena, kann auf 49.000 Plätze ausgebaut.
Die Augsburger impuls arena, kann auf designbuero 7 - Sianos & Partner GbR

Stadionwelt: Ein häufiger Kritikpunkt an der neuen „Stadiongeneration“ ist, dass die Stadien sich zu ähnlich sähen. Wie stehen Sie dazu?
Eichholtz: In meinen Augen sind alle Stadien immer noch Unikate. Das neue Stadion in Dresden wird ganz anders aussehen als das in Augsburg. Man muss auch bedenken, dass wir uns nach der WM in einer Phase befinden, wo Vereine, die nicht über eine WM-Arena verfügen, in Sachen Stadion Nachholbedarf haben. Sie geraten sonst ins Hintertreffen. Auf der anderen Seite stehen ihnen aber nur geringe finanzielle Mittel zur Verfügung, opulente Neubauten wie in München oder Frankfurt sind einfach nicht drin. Es ist kein Geld da, um ein Architekturbüro damit zu beauftragen, ein möglichst individuelles Stadion zu entwerfen. Nichtsdestotrotz gibt es große Unterschiede speziell in der Dach- und Fassadengestaltung, kein Stadion in Deutschland ist der Abklatsch eines anderen Stadions.

Stadionwelt: Wie haben sich in den letzten Jahren generell die Anforderungen im Stadionbau geändert? Angefangen vielleicht mit dem Bau der ersten „Arenen“ wie in Hamburg oder Gelsenkirchen, über die WM 2006 bis hin zu den Ansprüchen an ein Stadion in den nächsten Jahren?
Eichholtz: Da hat sich nicht so viel verändert, wie das vielleicht in den Jahren zuvor der Fall war. Sicherlich gibt es das Bestreben die Business-Bereiche noch flexibler zu gestalten, zudem geht der Trend dahin, Finanzierung, Planung, Bau, Betrieb und Vermarktung eines Stadions künftig aus einer Hand kommen zu lassen – so wie das eben momentan in Dresden der Fall ist.

24stündige Stadionnutzung

Stadionwelt: Wie kann eine flexiblere Gestaltung der Business-Bereiche aussehen?
Eichholtz: Die Vermarktung sollte so aussehen, dass das Stadion oder zumindest Teilbereiche 24 Stunden am Tag genutzt werden. Je besser die Drittverwertbarkeit eines Stadions, desto einfacher die Finanzierung. Ein Stadion, speziell die Logen- und Business-Bereiche, sind als optimale Kommunikationsplattformen zu betrachten – nicht nur am Spieltag sondern rund um die Uhr.

Stadionwelt: Speziell in der Schweiz werden Stadien oft mit umfangreicher Mantelbebauung in Form einer Shopping Mall geplant. Wieso nicht in Deutschland?
Eichholtz: Das liegt wahrscheinlich hauptsächlich daran, dass in Deutschland die Bundesliga traditionell samstags um 15:30 Uhr spielt, gleichzeitig der Samstag aber auch als Haupteinkaufstag gilt – das passt nicht zusammen. 60.000 Fußballfans in einem Einkaufszentrum, das kann nicht gut gehen. Noch dazu kommt natürlich die Stellplatzproblematik.

Stadion in Verbindung mit einem Einkaufszentrum: Das Stade de la Maladière in Neuchatel.<br>Bild: GD Architectes FAS SIA
Stadion in Verbindung mit einem Einkaufszentrum: Das Stade de la Maladière in Neuchatel.
Bild: GD Architectes FAS SIA

Stadionwelt: Wie verhält es sich mit dem Standort? In den USA geht der Trend wieder zu Stadien und Großarenen in Zentrumsnähe. Der Sport oder der Event kommt wieder zum Zuschauer.
Eichholtz: Klar wäre das im Sinne der Refinanzierung auch für Deutschland wünschenswert, allerdings schließt die deutsche Gesetzgebung Neubauten beispielsweise in unmittelbarer Nähe von Wohnbebauung aus. Ein Problem ist das natürlich speziell für Hallen, die im Jahr 100 Veranstaltungen brauchen, um wirtschaftlich zu arbeiten. Bei jedweder Form von Beschneidung kommt es zu Schwierigkeiten. Die Aufwendungen zum Schallschutz sind zum Beispiel unglaublich hoch.

Nordhessen-Arena wegweisend?

Stadionwelt: Da sie die Arenen gerade ansprechen, wie ist es denn um den Fortschritt bei der geplanten Multifunktionshalle in Kassel bestellt?
Eichholtz: Es handelt sich hierbei um ein vollständig freifinanziertes Konzept, die erste multifunktionale Halle, die ohne städtische Beteiligung funktioniert. Wir müssen die Finanzierung vorab absichern und versuchen diesen Prozess über den Sommer abzuschließen. Momentan befinden wir uns dabei etwa auf einem guten Weg.

Stadionwelt: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um ein solches Projekt ohne städtische Beteiligung zu finanzieren?
Eichholtz: Es ist schwierig, alles steht auf den Füßen des Business-Plans. Zwei starke Ankermieter, wie im Fall Kassel mit MT Melsungen und den Kassel Huskys, sind essentiell. Dazu muss die Begeisterung der Wirtschaft da sein, die ein solches Vorhaben entsprechend annehmen muss. Das Konzept könnte wegweisend sein.

Stadionwelt: Zum Abschluss noch eine Frage zur WM in Südafrika. Auch dort sind sie am Bau zweier Stadien beteiligt. Was genau ist dort ihre Aufgabe?
Eichholtz: Wir sind am Bau der Stadien in Port Elizabeth und Johannesburg beteiligt. Wir beliefern unsere Partner mit dem nötigen Know-How im Stadionbau. Eine große Herausforderung ist zum Beispiel die Dachkonstruktion im Stadion Soccer City in Johannesburg, sie allein wiegt gut 6.000 Tonnen. Doch der Bau geht zügig voran, wir liegen im Terminplan. Das funktioniert jedoch nur mit einem südafrikanischen Partner, wobei hier der Kontakt über unseren international tätigen Mutterkonzern die Royal BAM Group aus den Niederlanden zustande kam. Generell ist es bei größeren Projekten im Ausland wichtig, einen ortsansässigen Partner zu haben. Selbiges gilt für die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine, wo wir uns gerade im Prüfungsprozess befinden. (Stadionwelt/Pascal Reichardt, 13.07.07)

Das Dach des Stadions Soccer City in Johannesburg allein wiegt 6.000 Tonnen.<br>Bild: Schlaich Bergermann und Partner
Das Dach des Stadions Soccer City in Johannesburg allein wiegt 6.000 Tonnen.
Bild: Schlaich Bergermann und Partner

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